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Helmut Rosenberg, *1924

deportiert nach Auschwitz
ermordet 30.4.1943


Feldstr. 22
Bremen-Östliche Vorstadt


Feldstr. 22 - Weitere Stolpersteine:


Helmut Rosenberg

geb. 22.3.1924 in Bassum

Helmut Rosenberg war der Sohn von Siegmund (Selig) Rosenberg und dessen Ehefrau Frieda, geb. Silberberg, und hatte eine Schwester namens Gertrud.

Sein Vater Siegmund Rosenberg war in den dreißiger Jahren in Bassum Viehhändler mit einem eigenen mittelständischen Unternehmen. Er war ein „Fachmann durch und durch", erinnerte sich im Jahr 1957 der Geschäftsführer des Viehhandelsverbands Hannover. Der Boykott jüdischer Unternehmen und Geschäfte zwang den damals 47-Jährigen jedoch dazu, seinen Betrieb am 7.11.1936 zu schließen. Bereits im Sommer war die Familie nach Bremen gezogen und seit dem 16.7.1936 in der Feldstraße 22 gemeldet.

Die Familie plante, im Sommer 1938 nach Argentinien zu flüchten. Fest steht, dass Siegmund Rosenberg vier Tickets für eine Schiffspassage in einem Hamburger Reisebüro gekauft hat. 2.000 Reichsmark zahlte er für den Transport eines Liftes mit Umzugsgut an einen Spediteur. Die Absicht, nach Argentinien zu flüchten, manifestiert sich auch in einem Brief, den Frieda Rosenberg an ihren dort lebenden Neffen Karl-Heinz Leeser geschrieben hat. (Dessen Mutter Irma Leeser, geb. Silberberg, war eine Schwester von Frieda.) Zudem hat die Familie kurz vor der geplanten Abreise das Mobiliar und den Hausrat aus der Feldstraße 22 zu Schleuderpreisen veräußert. Das Schiff lief am 31.8.1938 tatsächlich aus, die Rosenbergs waren jedoch nicht an Bord, da die Familie bis dahin keine gültigen Einreisepapiere für Argentinien erhalten hatte. Die Schiffskarten verfielen, das Umzugsgut wurde später wieder nach Deutschland zurückgebracht.

Am 1.9.1938, also nur einen Tag nach der gescheiterten Flucht, reiste die 18-jährige Gertrud Rosenberg ohne ihre Familie per Schiff - an diesem Tag fuhr die „Berlin" von Bremen nach New York - in die Vereinigten Staaten. Sie hatte ein Visum zur Einwanderung in die USA bekommen und ging am 24.9.1938 in New York an Land. Infolge der politischen Ereignisse wurden auch die übrigen Familienmitglieder voneinander getrennt. Ab September 1938 war Siegmund Rosenberg in der Hastedter Heerstraße 313 gemeldet, wo auch sein 14-jähriger Sohn Helmut bis zu seinem Umzug nach Hamburg am 5. 11.1938 lebte.

Am 10.11.1938 wurde Siegmund Rosenberg in der Pogromnacht verhaftet. Nach seiner Entlassung organisierte er offenkundig seine Flucht nach Kuba. Der Name Siegmund Rosenberg taucht zwar nicht auf den Passagierlisten auf, er ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit am 13. Mai 1939 mit dem HAPAG Schiff St. Louis von Hamburg nach Kuba aufgebrochen. Seine Tochter Gertud, die sich nun Gerdy nannte, hatte sich in den USA für die Flucht ihres Vaters 250 Dollar geborgt und das Geld an einen "weitläufigen Verwandten" in Kuba überwiesen. Siegmund Rosenberg erreichte Havanna nach einer zweiwöchigen Reise am 27.5.1939. Die meisten der 937 Passagiere wollten in Kuba an Land gehen, um dort Visa für die USA zu beantragen. Überraschend erklärte die kubanische Einwanderungsbehörde die Landungspermits jedoch für ungültig. Trotz vorheriger Zusage verweigerte Kuba dem Schiff, am Pier in Havanna festzumachen. Auch Kanada versagte den Flüchtlingen seine Hilfe. Daraufhin bat die Besatzung den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt persönlich um Unterstützung. Doch auch der lehnte letztendlich seine Hilfe ab.

Anfangs hatte Roosevelt zwar einige der Flüchtlinge aufnehmen wollen, sich später aber dem Druck seines Außenministers Cordell Hull und der Demokratischen Partei gebeugt. Einige Parteimitglieder hatten dem amtierenden Präsidenten gedroht, ihm die Unterstützung für die Präsidentschaftswahlen im Jahr 1940 zu versagen. Am 4. Juni 1939 lehnte Roosevelt daraufhin die Einreise des Schiffes, das in der Karibischen See zwischen Florida und Kuba wartete, endgültig ab. In den Vereinigten Staaten verursachte die Odyssee der St. Louis heftige Diskussionen, dennoch musste das Schiff auf Anweisung der Reederei nach Europa zurückkehren. Daran konnte auch ein Versuch der Passagiere, das Kommando über das Schiff zu übernehmen, nichts ändern. Dem Kapitän Gustav Schröder war es zu verdanken, dass das Schiff nicht nach Deutschland zurückkehren musste, wo den Flüchtlingen die sofortige Einweisung in ein Konzentrationslager gedroht hätte. Stattdessen legte die St. Louis am 16.6.1939 im belgischen Antwerpen an. Die Passagiere wurden auf die Länder England, Frankreich, Belgien und die Niederlande verteilt. Siegmund Rosenberg kam nach Amsterdam, hier war er seit dem 18.6.1939 gemeldet.

Am 10.5.1940 begann der Angriff deutscher Truppen auf die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht wurde Siegmund Rosenberg erneut verhaftet. Vom 1.7.1940 bis zum 18.1.1944 blieb er im Durchgangslager Westerbork. Vom 18.1. bis zum 6.10.1944 war er im Ghetto Theresienstadt, von wo aus er in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Laut Auskunft des Niederländischen Roten Kreuzes wurde Siegmund Rosenberg hier am 8.10.1944 ermordet.

Frieda Rosenberg blieb nach 1939 allein in Bremen zurück, sie wohnte zuletzt in der Blankenburger Straße 26. (Hier wurde für sie ein zweiter Stolperstein verlegt.) Sie wurde am 18.11.1941 aus Bremen in das Ghetto Minsk deportiert und starb dort entweder im Winter 1941/42 an Hunger, Krankheit oder Kälte oder wurde ein Opfer der Massenerschießungen im Sommer 1942.

Gertrud Rosenberg (später mit Namen Gerdy Kleinmann) überlebte als einziges Familienmitglied, weil ihr am 24.9.1938 die Emigration in die USA gelang. Sie hat geheiratet und drei Kinder zur Welt gebracht. In New York arbeitete sie zunächst als Kellnerin und hat für ihre Mutter aus der Ferne einen Fluchtplan geschmiedet. Sie buchte für sie eine Passage auf einem Schiff, das im Mai 1941 von Lissabon nach New York auslaufen sollte. Der Plan schlug jedoch fehl, weil Frieda Rosenberg Deutschland nicht mehr verlassen konnte.


Verfasserin: Imke Molkewehrum (2016)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54E10465u.10466
Bruss, Regina, Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus, Bremen 1983
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Koblenz 1986
Röpcke, Andreas, Es geht tatsächlich nach Minsk. Texte und Materialien zur Erinnerung an die Deportation von Bremer Juden am 18.11.1941. Bremen, 1992
Yad Vashem, The Central Database of Shoah Victims' Names
www.hamburg.de/ballinstadt/280324/flucht-und-vertreibung-1933-1941.html
www.passagierlisten.de/
www.lostliners.de/schiffe/s/stlouis/geschichte/index.htm

Weitere Information:
Glossarbeitrag Auswanderung
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag Westerbork
Glossarbeitrag Auschwitz
Glossarbeitrag Minsk