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Adele Polak, geb. Goldschmidt, *1870

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Graudenzer Str. 45
Bremen-Neustadt


Graudenzer Str. 45 - Weitere Stolpersteine:


Adele Polak

geb. 19.5.1870 in Hamburg

Adele Goldschmidt wurde am 19.5.1870 in Hamburg geboren. Ihre Eltern hießen Levi und Elise Goldschmidt, geborene Simon. Adele heiratete am 8.4.1892 in Hamburg den vierzehn Jahre älteren, aus Oldersum stammenden Jakob Polak (1856-1915). Er betrieb eine Viehhandlung mit Schlachterei in Oldersum bei Emden. Das Ehepaar hatte drei Söhne und vier Töchter: Ludwig (geb. 1898), Carl (geb. 1901) und Siegfried Hermann (geb. 1903), sowie Emma (geb. 1893), Dora (geb. 1894), Therese (geb. 1896) und Elise (geb. 1908).

Die jüdische Familie Polak, seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Oldersum ansässig, verdiente ihren Lebensunterhalt als Schlächter und Viehhändler. Die Berufserfahrungen wurden von Generation zu Generation weitergegeben, sodass die Familie zu einem bescheidenen Wohlstand kam und ein eigenes Haus mit dem Betrieb in der Neustadtstraße 7 in Oldersum besaß.

Am 20.7.1915 starb Jakob Polak und wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Bollwerkstraße (Grabstein Nr. 798) in Emden begraben. Nach dem Tod ihres Mannes führte Adele die Viehhandlung fort, weil ihre drei Söhne noch zu jung waren.

Am 31.8.1927, eventuell wegen der stark gesunkenen Rinderpreise in Leer und der zunehmenden Arbeitslosigkeit, zog Adele mit ihren Söhnen Siegfried, Ludwig, Carl und vermutlich ihrer jüngsten Tochter Elise in die Graudenzer Straße 45 nach Bremen. Gemeinsam mit ihren Söhnen setzte sie den Viehhandel fort. Siegfried Hermann Polak übernahm 1932 von seiner Mutter die Viehhandlung.

Im gleichen Jahr heiratete der zweite Sohn Carl Johanne Jacobsohn und zog zu ihr nach Kirchweyhe. Auch Ludwig heiratete und hatte mit seiner „arischen“ Frau Hildegard Schultz zwei Kinder, Günther und Werner, mit denen er in der Hastedter Heerstraße 249 in Bremen wohnte. Elise zog am 1.3.1934 zu ihrer Schwester Therese nach Hamburg. Dort lernten beide die Brüder Adolf und Herbert Wagener kennen und heirateten sie.

Nach seiner Scheidung 1938 kehrte Carl zu seiner Mutter in die Graudenzer Straße 45 zurück. 1940 zog Siegfried Hermann zu seiner Frau Viktoria Gisela Polak in die Yorckstraße 86. Wenig später am 1.3.1940 wurden Adele und ihr Sohn Carl genötigt, in das „Judenhaus“ in der Nordstraße 210 zu ziehen.

In einer eidesstattlichen Versicherung vom 19.9.1963 erklärte Adele Polaks Tochter Dora Dippold in Fürth/Bay. Folgendes: "Am 17. November wurde meine Mutter, Adele Polak, nach Minsk deportiert. Ich befand mich damals bei ihr in Bremen, Nordstraße 210. Einige Tage vor dem 17.11.1941 hatte mir einer meiner Brüder telegrafiert, ich soll sofort kommen, die Lage der Juden in Hamburg und Bremen war damals sehr gespannt. Am 17.11.1941 musste sich meine Mutter in einem Schulhaus zum Zwecke der Deportation einfinden. Ich begleitete sie dorthin. Nach dem Abtransport ging ich noch einmal zur Wohnung zurück und stellte fest, dass sie inzwischen versiegelt worden war. Ich kehrte dann nach Nürnberg zurück. In der Nordstraße bewohnte meine Mutter eine 2-Zimmerwohnung mit Küche. In diesen Räumen konnte sie die Möbel, die sie in der Graudenzer Straße gestellt hatte, nicht alle unterbringen. Ein Teil der Möbel war deshalb auf dem Dachboden abgestellt. Aber auch in den Zimmern standen die Möbel dicht beieinander."

Am Morgen des 18.11.1941 brachten Polizei und Gestapo die Juden zum Lloydbahnhof, von wo aus sie über Hamburg weiterfuhren. Hier wurden auch Adeles Töchter Therese sowie Elise mit ihrem anderthalbjährigen Sohn Uri und die Großfamilie Wagener, in die beide eingeheiratet hatten, nach Minsk deportiert. Es war derselbe Zug, in dem schon ihre Familienangehörigen aus Bremen waren.

Aufgrund von Hunger, Kälte sowie Willkür und Folter der SS starben viele im harten Winter 1941/42. Sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto Minsk erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen zum Opfer, die Ende Juli 1942 begannen.

Von Adele Polaks drei Söhnen überlebte nur Ludwig den Holocaust. Da er in „Mischehe“ lebte, blieb er zunächst verschont, doch am 13.2.1945 deportierte man schließlich auch ihn, und zwar in das Ghetto Theresienstadt. Nach der Befreiung kehrte er zu seiner Frau und seinen beiden Söhnen zurück. Er starb am 2.5.1979 in Bremen. Von Adeles vier Töchtern überlebten zwei: Emma Blankenstein, geb. Polak, war in die USA emigriert und wohnte nach dem Krieg in New York City. Ihre Schwester Dora Dippold, geb. Polak, lebte in „Mischehe“, wohnte in Fürth/Bay. und starb 1966 in Nürnberg.

Verfasserin:
Ilse Zelle (2020)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E11447, 4,54-E10898, 4,54-Rü 5980, 4,54-6196, 4,54-E1201, 4,54-Ra600, Einwohnermeldekartei
www.euhausen-klaus.de/oldersumerjuden.htm
www.grabsteine.genealogy.net
www.stolpersteine-hamburg.de; Wagener. Peter Offenborn
Teuber, Werner: Jüdische Viehhändler in Ostfriesland und im nördlichen Emsland 1871-1942. Cloppenburg 1995, Vgl. S. 29; 67
Zelle, Ilse (Hrsg.): Polak, Otto: Leben und Schicksal eines Christen jüdischer Herkunft, Bremen 2010

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk