Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Suche
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Johann Kühn, *1897

verhaftet 1934 wegen "Hochverrat"/Zuchthaus Bremen KZ Sachsenhausen 1939/KZ Bergen-Belsen 1945
ermordet


Gröpelinger Heerstr. 92/94
Bremen-Gröpelingen

Johann Kühn

geb. 9.3.1897 in Bremen

Johann Kühn besuchte die Volksschule und begann ab 1911 eine Schlosserlehre. 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, den er bis 1918 ableistete. Danach arbeitete er in Bremen als Schlosser und zog 1920 nach Rotterdam um, von wo er 1922 nach Bremen zurückkam.

Am 14.10.1922 heiratete er in Bremen Louise Speichert, geb. am 8.6.1900 in Jeinsen. Auch sie hatte in Rotterdam gelebt. Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Elfriede (Jg. 1924) und Ingeborg (Jg. 1931).

Ab 1930 war Johann Kühn arbeitslos, nur von kurzzeitigen Notstandsarbeiten unterbrochen. Das Gewerbe „Zeitschriftenverkauf“ übte er nur vom 27.9. bis 7.10.1933 aus. In der Zeit von 1919 bis 1933 war er Mitglied der SPD; in Gröpelingen war er Distriktführer, vorher kurzzeitig Distriktkassierer. Er war passives Mitglied im Reichsbanner.

Am 25.8.1935 erhob der Generalstaatsanwalt beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg Anklage „in der Sache Osterloh und Genossen“ gegen „den Schlosser Johann Kühn, geb. 9.3.1897 in Bremen, verheiratet, wohnhaft in Bremen, Gröpelinger Heerstr. 92, unbestraft, in dieser Sache festgenommen und in Schutzhaft abgeführt am 5.11.1934, in Bremen in U-Haft seit dem 5.2.1935“.

Den Angeklagten (insgesamt 14) wurde vorgeworfen, „zu Bremen in den Jahren 1933 und 1934 fortgesetzt und gemeinschaftlich handelnd, das hochverräterische Unternehmen, mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu ändern, vorbereitet zu haben, wobei die Tat sämtlicher Beschuldigter darauf gerichtet war, einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen oder aufrechtzuerhalten und die Massen durch Herstellung oder Verbreitung von Schriften zu beeinflussen.“

Weiter wurde ausgeführt: Am 30.1.1933 habe die staatliche Neuordnung begonnen. Die ehemaligen Führer und Funktionäre der SPD seien ins Ausland geflohen und hätten von dort aus den Versuch unternommen, in Wort und Schrift für eine Revolution gegen die Regierung Hitler und für den Sturz des heutigen Staats Propaganda zu machen. Es werde zur Abkehr von gemäßigtem Vorgehen aufgerufen. Die SPD betone, dass ihre neue Machtäußerung nur noch revolutionär sein könne. Sie strebe eine Einheitsfront mit denjenigen Parteien an, die auf einen gewaltsamen Umsturz hinarbeiteten. „Im Übrigen sucht sie durch eine Lügen- und Greuelhetze die Staatsautorität in Deutschland zu untergraben und auch so den Boden für ein gewaltsames Vorgehen zu bereiten.“

Bei den verbreiteten Schriften handelte es sich u. a. um „Deutsches Golgatha“, „Lied der Schmiede“, „Rote Blätter“, „Blätter zur Zeit“, „Brief aus einer Berliner Auslands-Vertretung“, „Die Kunst des Selbstrasierens“, ein Schmählied gegen die SA, Partei-Programmentwürfe und die Papen-Rede.

Die hochverräterische Betätigung der Beschuldigten bestand laut Anklage u. a. darin, dass sie nach der Auflösung der Bürgerschaft im Jahre 1933 „konspirative“ Treffen organisiert und durchgeführt sowie „revolutionäre Schriften“ hergestellt und verbreitet hatten. Die weiblichen Angeklagten waren besonders bei der Organisation der Treffen erfinderisch, indem sie zu „Geburtstagsfeiern“ oder „Freimarktfeiern“ einluden.

Johann Kühn war von April bis Juni 1934 besonders in Verden aktiv, wo er Schriften verteilte. Ansonsten sammelte er Geld bei den Genossen und nahm an Treffen teil. Nach eigenen Angaben war er nicht an der Herstellung von Schriften beteiligt und will wenig von der Arbeit der Bremer Gruppe gewusst haben. Seine Beteiligung an „hochverräterischen Aktivitäten“ wurde jedoch vom Staatsanwalt folgendermaßen „gewürdigt“: „Der Angeklagte Kühn hat als Mitglied des Kopfes ebenfalls in maßgeblicher Weise sowohl bei der Durchführung der Unterstützungsaktionen als auch bei der Beschaffung und Verbreitung des illegalen Materials mitgewirkt. Er ist jedoch etwas weniger beteiligt gewesen als ….“. Daher verhängte das Gericht am 15.2.1936 gegen ihn eine Zuchthausstrafe von drei Jahren und sechs Monaten und erklärte den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von vier Jahren.

Verfasser:
Raimund Gäbelein/Barbara Ebeling (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Prozessakte 9,S9–17–54/3 (Sonderband der Sammelakte VIII, I 5,II 65 R. II 106, 109, IV 197, B 9)
Frank Thomas Gatter/Mechthild Müser, Bremen zu Fuß, 20 Streifzüge durch Geschichte und Gegenwart, Hamburg 1987

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Politisch Verfolgte