Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Stolpersteine Biografie
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Ernst Moritz Abraham, *1911

deportiert 1941
ermordet in Minsk


St. Stephani-Kirche/neben dem Seitenportal
Bremen-Mitte


St. Stephani-Kirche/neben dem Seitenportal - Weitere Stolpersteine:


Ernst Moritz Abraham

geb. 19.1.1911 in Bremen

Ernst Abraham war das siebte von neun Kindern, von denen eines im Kindesalter verstarb. Seine Eltern Semmi Abraham, geb. 1875 in Altona, und Gietel Bachrach, geb. 1875 in Nentershausen, traten kurz vor dem Ersten Weltkrieg vom jüdischen zum evangelischen Glauben über, aus Gietel wurde Ida; auch alle Kinder wurden getauft. Die Familie lebte zeitweilig in Bethel und in Brake. Die Eltern von Ernst Abraham kehrten 1929 nach Bremen zurück, wo sein Vater 1937 starb. Seine Mutter Ida wurde 1941 in das Ghetto Minsk deportiert. Dasselbe Schicksal traf auch Ernst Abraham, seine Frau Johanna und seine Tochter Rachel.

Der Bäcker Ernst Abraham heiratete am 24.2.1940 die sieben Jahre ältere Johanna Bü- cking, geborene Abraham, geb. 5.5.1903 in Frechen/Köln. Das Ehepaar wohnte in der Timmerstraße 7, die heute nicht mehr besteht. Obwohl schmächtig von Statur verdingte sich Ernst Abraham als Tiefbauarbeiter und Kohlenträger in der Kohlenhandlung Holsten, denn als Bäcker durfte er nicht mehr arbeiten.

Johanna Bücking war geschieden und brachte aus ihrer ersten Ehe mit Heinrich Bücking zwei „halbjüdische“ Kinder mit. Sie war 1927 nach Bremen zugezogen. Da ihr erster Mann Heinrich Bücking evangelisch war, war sie anlässlich ihrer ersten Eheschließung zum evangelischen Glauben übergetreten. Sie arbeitete zeitweilig in einer Jutespinnerei und als Verkäuferin. Seit ihrem Umzug zu ihrem zweiten Ehemann in die Timmerstraße 7 gehörte auch sie der Gemeinde St. Stephani an. Aus ihrer zweiten Ehe stammte die Tochter Rachel, die am 8.6.1941 zur Welt kam.

Im Oktober 1941 wurden Ernst, Johanna und Rachel Abraham zur Deportation in den Osten aufgerufen. Am 2.11.1941 schloss Pastor Greiffenhagen in der Gemeinde St. Stephani die jüdischen Brüder und Schwestern, die aus ihrer Gemeinde zur Deportation vorgesehen waren, in das große Fürbittgebet mit ein. Die Kollekte wurde für sie bestimmt, und es fand ein herzlicher Abschied vor dem Gemeindehaus statt. Eingehakt begleiteten einige Frauen die mit dem Judenstern Gekennzeichneten über den Kirchhof nach Hause. Daraufhin mussten am 5.11.1941 Mitglieder der Gemeinde zu Verhören bei der Gestapo erscheinen. Am 12.11.1941 wurden die Mitglieder der Gemeinde, gegen die „wegen Sammlungen für abzuschiebende Juden“ ermittelt wurde, kurzfristig in Haft genommen. Ernst Abraham wurde noch am 3.11.1941 von der Gestapo verhaftet, weil er, der nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als Jude galt, an dem evangelischen Gottesdienst der Gemeinde teilgenommen hatte. Erst am 11. oder 12. November wurde er wieder entlassen.

Am 18.11.1941 wurde die Familie Abraham von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Dort wurden Johanna und Rachel Abraham ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen, die Ende Juli 1942 begannen, zum Opfer. Im Transport nach Minsk waren neben Ernst Abrahams Mutter Ida auch die Geschwister Anna, Johannes und Wilhelm mit Frau Käthe.

Ernst­ Moritz Abraham musste in Minsk Zwangsarbeit, vermutlich in einem Kommando außerhalb des Ghettos, leisten. Im September 1943, im Zuge der "Auflösung" des Ghettos, befand er sich in einer Gruppe von ca. 300 Männern, die für den Transport in andere Lager zu weiterer Zwangsarbeit selektiert und fortgeschafft wurde. Die ersten Stationen seines Deportationsweges sind nicht dokumentiert. Im Juli 1944 traf er im KZ Plaszow (bei Krakau) ein und am 4.8.1944 wurde seine Ankunft im KZ Flossenbürg registriert. Dort starb er am 23.2.1945.

Hannelore und Irmgard Bücking, die Kinder aus der ersten Ehe von Johanna Abraham, wurden von der Deportation zurückgestellt und überlebten den Holocaust: Hannelore in der Familie ihres Onkels August Abraham, die allesamt 1944 in Bockel bei Rotenburg/ Wümme untertauchen konnten, Irmgard in einer Pflegefamilie. Nach 1945 fand Irmgard in Bethel Aufnahme, Hannelore machte eine Schneiderlehre und heiratete 1951.


Barbara Johr (2015/2020)

Anmerkung:
Der Stolperstein für Ernst Moritz Abraham wurde 2006 verlegt. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass er die Internierung im Ghetto überlebt hatte. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse und neu zugänglicher Dokumente konnte sein weiterer Schicksalsweg aktualisiert werden.

Informationsquellen:
StA Bremen, 4,54-E435/3, 4,54-E438/2, 4,54-E610/2 und 4,54-E2107/3, Einwohnermeldekartei
Acht Geschwister Abraham. In: AK Lebensgeschichten
Christoffersen, Peter: „Es war ein einziges Grauen“ - Die Deportation der Bremer Juden in das Ghetto Minsk und ihre Vernichtung. In: Christoffersen, Peter/Johr, Barbara (Hrsg.): Stolpersteine in Bremen, Schwachhausen/Horn-Lehe, Bremen 2017, S. 18-32

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Minsk
Glossarbeitrag Christen jüdischer Herkunft