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Lilly Karmann, *1898

verhaftet 16.9.1943 Berlin-Plötzensee
hingerichtet 27.1.1944


Violenstr. 30/32
Bremen-Mitte
ehemalige Straßenbezeichnung: Buchtstr. 30

Lilly Karmann

geb.25.10.1898

Lilly Karmann wurde in Rotterdam geboren. Ihre Eltern waren Artisten. Sie hatte eine Schwester, Lene, und zwei Brüder: Georg Julius Napoleon (geb. 22.1.1894 in Berlin) und Albert Felix (geb. 19.4.1902 in London). Die Mutter Sophie, geb. Gottlieb, die 1907 für tot erklärt wurde, war Jüdin. Nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung galten daher ihre Kinder als „Mischlinge 1. Grades“ bzw. „Halbjuden“.

In Bremen lebte Lilly Karmann mit kurzen Unterbrechungen ab 17.7.1921 in der Buchtstraße 30 (heute Violenstraße 30/32) wohnte sie ab 21.9.1931. Sie war von Beruf Kontoristin und arbeitete im Kunstgewerbegeschäft Kracht. In der Zeit vom 15.9.1934 bis 7.2.1939 hatte sie zusätzlich als Gewerbe „Kunstgewerbe und Anfertigung von schriftlichen Arbeiten“ angemeldet.

Am 16.9.1943 wurde Lilly Karmann verhaftet. Sie hatte die Kundin Ursula F. gefragt, ob sie den Mut hätte zu heiraten, „denn wir würden ja doch den Krieg verlieren“. In dem gegen sie verhängten Strafurteil wird weiter ausgeführt: „Lilly Karmann, eine Halbjüdin, hat am Schluss des 4. Kriegsjahres.... gesagt, es sei schwer zu heiraten, denn Stalin werde verlangen, dass unsere Männer erst einmal Russland aufbauen, und wir würden nichts zu essen und zu kaufen haben und viele Jahre am Boden liegen. Strafe müsse ja sein! Deutschland trage ja auch einen großen Teil Kriegsschuld.“ Eine Version dieses Gesprächs erzählte Ursula F. direkt nach dem mit Lilly Karmann geführten Gespräch in dem von ihr danach aufgesuchten Parfümeriegeschäft B.. Dessen Inhaberin befand, dass man „so etwas“ anzeigen müsse. Auf die Bitte ihrer Kundin, auf keinen Fall Anzeige zu erstatten oder anderweitig Gebrauch davon zu machen, versprach sie es ihr. Wer Lilly Karmann denunzierte, ist nicht aktenkundig.

Von einem Bremer Wachmann erfuhren Zeitzeugen, dass der vernehmende Kommissar der Gestapo geäußert hatte, Lilly Karmann „fertig“ machen zu wollen und sie gefesselt nach Berlin hatte überführen lassen. Vor der Gerichtsverhandlung „wegen Wehrkraftzersetzung und defaitistischen Äußerungen“ vor dem Volksgerichtshof in Berlin am 9.12.1943 wurden ihr drei Stunden eingeräumt, um sich mit einem Verteidiger zu besprechen. Sie verteidigte sich, „nur so geschwätzt zu haben“. Das Urteil wurde vom 1. Senat unter dem Vorsitzenden Freisler gefällt: “Als defaitistische Zersetzungspropagandistin unserer Kriegsfeinde ist sie für immer ehrlos. Sie wird mit dem Tode bestraft.“ Außerdem wurde das Todesurteil u. a. damit begründet, dass „in diesem Fall auch andere Defaitisten wissen (müssten), dass sie um Kopf und Kragen spielen“. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihr auf Lebenszeit aberkannt. Die Kosten des Verfahrens hatte sie zu tragen.

Aus einer nach dem Krieg abgegebenen Erklärung der Kundin Ursula F., die als Zeugin vor dem Volksgerichtshof hatte erscheinen müssen, geht hervor, dass sie Lilly Karmann noch einmal, und zwar am 9.12.1943 nach deren Abführung aus dem Gerichtssaal, zufällig in einem Nebenraum begegnet war. Sie sagte ihr, dass sie sie niemals angezeigt hätte. Sie sei dann von einem Gerichtsbeamten „aus dem Raum gerissen“ worden.

Lilly Karmann wurde in Berlin, Barnimstraße 10, mit anderen zum Tode verurteilten Frauen gefangen gehalten. Am 23.12.1943 stellte sie ein Gnadengesuch, das am 14.1.1944 durch den Reichsminister der Justiz abgelehnt wurde. Am 17.1.1944 erteilte dieser den Vollstreckungsauftrag für die Hinrichtung, die am 27.1.1944 in Berlin-Plötzensee vollzo- gen wurde. Ihr Begräbnisort ist unbekannt; es ist anzunehmen, dass ihr Leichnam – wie es damals die Regel war - in die Anatomie der Berliner Universität überführt und dort nach Abschluss von anatomischen Untersuchungen verbrannt und verscharrt wurde. In die Bremer Einwohnermeldekarte ist unter dem Datum 19.10.1944„Auszug nach unbekannt“ eingetragen.
Aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung wurde am 10.10.1944 Lilly Karmanns gesamtes Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches“ eingezogen.

Ihr Bruder Albert, der in einem Londoner Waisenhaus aufgewachsen und zu einem un- bekannten Zeitpunkt vor dem Krieg nach Bremen gekommen war, erfuhr erst 1938, dass er jüdische Vorfahren hatte. Er hat den Krieg überlebt und eröffnete ein Fuhrgeschäft in Bremen. Später war er beim Gartenbauamt beschäftigt. Er starb am 21.7.1964 in Bremen.
Am 22.4.1945 kam der Bruder Georg beim letzten Bombenangriff auf Bremen ums Leben. Das Schicksal der Schwester Lene ist aus den vorliegenden Unterlagen nicht erkennbar.

Verfasserin: Barbara Ebeling (2015)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54–E11703, 4,54-E 1011, 1 J 666/43, 1 L 215/43, 7,1086-241, 9,S 9 – 17-64, Einwohnermeldekarte AK (Hrsg.): Lebensgeschichten
Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, Mitteilung vom 18.8.2014

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Volksgerichtshof