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Dr. Martin Meiners, *1872

eingewiesen 19.5.1905 - mehrere aufenthalte in landesanstalt bremen-ellen "verlegt" 13.8.1942 Hadamar
ermordet 19.9.1942


Uhthoffstraße 68
Bremen-Vegesack

Martin Meiners

Martin Meinersgeb. 4.5.1872 in Vegesack

Der Stolperstein zur Erinnerung an den Oberlehrer Dr. phil. Martin Meiners liegt vor seinem Geburtshaus. Bis zum frühen Tod des Vaters, der Schiffskapitän war, hat er hier gemeinsam mit seinem älteren Bruder die ersten Lebensjahre verbracht. Die verwitwete Mutter blieb mit ihren Söhnen in Vegesack wohnen und ermöglichte ihnen nach erfolgreichem Besuch des Realgymnasiums (Gerhard-Rohlfs-Gymnasium) ein Studium. Beide sollten Lehrer werden.

Martin Meiners konnte sein Studium 1893 im Alter von 21 Jahren mit der Erlangung der philosophischen Doktorwürde in Halle/S. abschließen, vorausgegangen waren Studien an den Universitäten in Berlin und Leipzig. Es folgte ein Aufenthalt in Paris und die Lehramtsprüfung. Nach einem Probejahr erhielt er 1897 eine Anstellung als Oberlehrer an der Bremer Oberrealschule an der Dechanatstraße. Seine Unterrichtsfächer waren Französisch, Englisch, Deutsch und Latein. Der Rektor beurteilte ihn als pflichttreuen Lehrer, der die Zuneigung seiner Schüler gefunden habe und der gute Unterrichtserfolge erziele. Doch im Januar 1900 musste Martin Meiners infolge eines „plötzlich hervorgetretenen Hirnleidens“, wie es in der Personalakte heißt, beurlaubt werden. Nach seiner Genesung wechselte er im April 1903 auf eigenen Wunsch zur (Siemens-) Oberrealschule nach Charlottenburg, doch ist er kurz darauf erneut erkrankt. Die Diagnose der Berliner Ärzte hieß nun Schizophrenie mit schweren Anfällen von Verfolgungswahn. Die Folge war die vorzeitige Pensionierung und Entmündigung.

Am 19.5.1905 wurde Martin Meiners erstmals in das gerade neu geschaffene „St. Jürgens Asyl für Nerven- und Geisteskranke“ in Bremen-Ellen eingewiesen. Von 1923 bis 1930 wurde er in der Heil- und Pflegeanstalt Lemgo (Lindenhaus) betreut und anschließend verbrachte er wiederholt mehrere Jahre in der so genannten Landpflege, wie sie in Bremen bei weniger pflegebedürftigen Patienten praktiziert wurde. Die Kranken wohnten und arbeiteten gegen Zahlung eines Pflegegeldes in Familien der umliegenden Dörfer. Hier schien er auch eine Art Zuhause gefunden zu haben, denn er verlangte später laut Krankenakte in die Landpflege zurückverlegt zu werden.
Sein Zustand scheint sich jedoch mit fortschreitendem Alter verschlechtert zu haben.

Im Jahr 1940 wurde der nun 68-jährige als völlig zerfahrene Persönlichkeit geschildert, der kaum ansprechbar war und in sich zurückgezogen unter Verfolgungsideen leide. Eine Brille würde er trotz starker Kurzsichtigkeit ablehnen und zur Arbeit könne er daher nicht eingesetzt werden. Seine Abschiebung in eine der Tötungsanstalten war somit nur noch eine Frage der Zeit. Er gehörte zu jenen 114 Patienten, die am 13. August 1942 durch die Ärzte der Bremer Nervenklinik in die Landesheilanstalt Hadamar verlegt wurden, wo er einen Monat später im Alter von 70 Jahren in Folge mangelnder Pflege und hochgradiger Unterernährung starb. Seinem Bruder und Vormund Oberstudiendirektor i. R. Dr. Wilhelm Meiners (1867-1953) in Bonn, teilte man auf dessen Nachfrage mit, dass die Todesursache Altersschwäche gewesen sei. Die Beisetzung habe in einem Einzelgrab auf dem Anstaltsfriedhof stattgefunden. Dem Schreiben war eine Rechnung über 20 RM für „Kranz und Blumenschmuck aus eigener Anstaltsgärtnerei“ beigefügt. Tatsächlich kamen die Toten in Massengräber. Stellvertretend für die vielen Opfer der „Euthanasie“ wurde Martin Meiners eine Straße im Ortsteil Aumund-Hammersbeck gewidmet.

Verfasser:
Thomas Begerow

Informationsquellen:
Krankenakte Martin Meiners, Archiv Gedenkstätte Hadamar; Personalakte, Staatsarchiv Bremen; Personalblatt, Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung, Berlin; Thomas Begerow: Todesursache Altersschwäche? Zum Schicksal des Dr. phil. Martin Meiners, (Manuskript) Berlin 1993, Vorabdruck als Auszug: Opfer der Euthanasie-Aktion, in: „Die Norddeutsche“ vom 19.9.1992.

Abbildungsnachweis: Martin Meiners als Student in Berlin 1892. (Original: Archiv Heimat- und Museumsverein für Vegesack und Umgebung e.V.: Erinnerungsalbum der ehemaligen Vegesacker Realgymnasiasten, 1894).

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Euthanasie" / Zwangssterilisation