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Theophil Jazdziewski, *1878

VERHAFTET 1934 wg. „VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT“, 1935 ZUCHTHAUS OSLEBSHAUSEN, 1938 BUCHENWALD
TOT 3.6.1941


Oderstraße 109
Bremen-Neustadt

Verlegedatum: 28.09.2012

Theophil Jazdziewski

Theophil Jazdziewski

Theophil Johannes Jazdziewski war am 24.6.1878 in Berlin geboren worden, lebte seit 1904 in Bremen, war wie sein Vater Maurer von Beruf und katholisch. Verheiratet war er mit Paula Schubert. Das Ehepaar hatte fünf Kinder: Johannes Theophil (geb. 1917), Beate Barbara, verh. Malorny (geb. 1918) und Edmund Paul (geb. 1922); zwei der Kinder verstarben früh. Die Familie lebte in der Oderstraße 109.

Theophil Jazdziewski hatte eine bewegte Jugend. Nach seiner Lehrzeit ging er auf Wanderschaft. Auf Veranlassung eines Wandergesellen trat er1897 in die französische Fremdenlegion ein, floh aber im Jahr 1900 von einem Truppentransport bei der Fahrt durch den Suezkanal. Er kehrte nach Deutschland zurück und leistete seinen Wehrdienst ab. 1904 schied er als Unteroffizier beim Militär aus und wurde in Bremen Schutzmann. 1917 meldete er sich freiwillig zum Fronteinsatz, wurde wieder Unteroffizier und zum Feldwebel befördert. Nach Niederschlagung der Räterepublik in Bremen war er 1919 ein Jahr lang Mitglied der Regierungsschutztruppe in Bremen. Von 1921 bis 1928 arbeitete er als Nachtwächter in einer Jutespinnerei, dann wieder als Maurer, bis er 1931 arbeitslos wurde.

Seit 1919 war er Mitglied der SPD, Mitglied des Deutschen Baugewerkschaftsbundes und ab 1930 Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in verschiedenen Funktionen im Bereich Bremen-Süd. Das Reichsbanner – gegründet 1924 auf Initiative mehrerer Parteien als Wehrverband zum Schutz der Demokratie – wurde am 20.3.1933 verboten. Im Sommer 1933 traf sich eine Gruppe von alten SPD-Mitgliedern, unter ihnen Jazdziewski, um die Organisation wieder aufleben zu lassen. Er wurde erneut Abteilungsführer Süd, stellvertretender Kreis- und Bezirksleiter und ab März 1934 Kreisleiter. Die Organisation zählte etwa 100 Mitglieder.

Ein Mitglied dieser Gruppe zog aus beruflichen Gründen nach Antwerpen und konnte von dort den Versand von Druckschriften nach Bremen organisieren. Theophil Jazdziewski war u.a. für die Weiterleitung dieser Tarnschriften, Flugblätter und des „Kleinen Vorwärts“ – der illegalen Parteizeitung – zuständig. Teils verteilte er selbst, teils delegierte er die Verteilung an die Kameradschaftsführer (Leiter der Fünfergruppen). Auch sein Sohn Theophil jr. war gelegentlich mit der Verteilung betraut. Als erste Lieferung kamen per Schiff 100 Exemplare des „Kleinen Vorwärts“ und ca. 15 Tarnschriften „Cäsar, Der Gallische Krieg“ an. In letzterer war unter anderem ein Artikel„Revolution gegen Hitler“ untergebracht. Die dritte Sendung mit 2.000 Exemplaren „Kleiner Vorwärts“ traf im Dezember 1933 per Postpaket über Osnabrück ein und war als „Frischer Spargel“ deklariert. Zusätzlich gab die Gruppe eigene Rundschreiben heraus, die Jazdziewski teilweise selbst verfasste, so etwa ein Protokoll des „Internationalen Sozialistischen Kongresses“, der im Juli 1933 in Paris stattgefunden hatte.

Theophil Jazdziewski war sehr belesen. Er gehörte der 1924 gegründeten sozialdemokratischen Buchgemeinschaft„Der Bücherkreis“ an. Nach 1933 dienten die Bücher wärend der Austeilung oft als Versteck für die Weitergabe von illegalen Nachrichten. Neben der Literatur der Arbeiterbewegung hatte er zahlreiche Klassiker in seiner Bibliothek stehen. Die Gestapo beschlagnahmte nach seiner Verhaftung über 100 Bücher und fand darin auch entsprechendes Beweismaterial, wie sich die Tochter erinnerte.
Die letzte Sendung aus Antwerpen traf vermutlich im Februar 1934 ein. Sie enthielt u.a. eine Druckschrift mit dem „Hitler-Gebet“, das im späteren Prozess gegen Jazdziewski u.a. eine Rolle spielen sollte und im Urteil des Volksgerichtshofes in voller Länge zitiert wurde:

"Komm, Herr Hitler, sei unser Gast.
Gib uns ein Zehntel von dem, was Du versprochen hast. Unter den verfluchten Sozialdemokraten
Hatten wir manchmal sogar ein Stückchen Braten, Aber unter dir und Goebbels und Göring
Gibt es nur Hering, Hering, Hering!
Wir sind klein, und die Macht ist Dein.
Dein ist auch das Reich und die Herrlichkeit
Für die nächste Zeit.
Aber wir wollen Dir heilig geloben,
Du bleibst nicht lange droben da oben.
Bald spielen wir mit Dir „Jüngstes Gericht“
Und zahlen Dir heim mit vollem Gewicht!
Bald werden wir zum Kampfe gehen,
Seid hart und stark, ihr Brüder!
Und keiner bleibe wieder
Wie einst auf halbem Weg stehen.
Wir danken Dir, Hitler, aus tiefstem Herzensgrund,
Daß uns die leeren Därme qualmen,
Der Hunger hält die Wut gesund.
Die wird Dich einst zermalmen
Und in der Menschheit Namen
Alle, die mit Dir kamen.
Amen."

Nachrichten des engeren Führungskreises wurden im Gemüseladen von Theodor Ukena in der Lahnstraße hinterlegt. Im Verkehr mit seinem Nachrichtenleiter Alfred Göbel bediente Jazdziewski sich einer Geheimschrift. Auf tragische Weise wurde er dann Opfer eines von der Gestapo als Spitzel angeworbenen Reichsbannermannes, dem er – offenbar sehr gutgläubig – nahezu alle notwendigen Informationen über den engeren Führungskreis der Organisation mitteilte. Trotz mehrfacher Warnung von Kameraden, vertraute er diesem Mann auch die Informationen über das Geheimversteck in seiner Wohnung an, wo er illegales Material aufbewahrte.

Am 4.3.1934, ein Jahr nach der Ermordung des Reichsbannermannes Johannes Lücke, führte das Reichs-banner eine Gedenkfeier auf dem Waller Friedhof durch. Über Flüsterpropaganda zur Teilnahme aufgerufen, besuchten Mitglieder allein oder in kleineren Gruppen das Grab. Am nächsten Tag begann die Gestapo mit Verhaftungen, die sich über drei Wochen hinzogen. Über 40 Reichsbannerleute wurden verhaftet, unter ihnen alle Leitungsmitglieder.

Theophil Jazdziewski wurde am 8.3.1934 verhaftet (mit ihm auch sein 16-jähriger Sohn Theophil jr., der aber wegen seines jugendlichen Alters nach einer Woche wieder entlassen wurde). Er saß bis zum 20.8.1935 in Bremen in Untersuchungshaft. Am 21.8.1935 fand in Berlin gegen ihn und vier weitere Genossen (Alfred Göbel, Friedrich Braams, Otto Meier, Heinrich Limberg) vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes ein Prozess „wegen Hochverrat“ statt. Die Angeklagten wurden beschuldigt, von Sommer 1933 bis Frühjahr 1934 versucht zu haben, das Reichsbanner in Bremen neu zu beleben. Sie hätten zu diesem Zweck Gruppen gebildet, Beiträge erhoben und Druckschriften verbreitet, die gegen das nationalsozialistische Regime gerichtet gewesen seien. Sie hätten diese teils hergestellt, teils aus dem Ausland bezogen. Jazdziewski und Göbel wurden zur Höchststrafe viereinhalb Jahren Zuchthaus und zu fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Auf Ehrverlust sei zu erkennen gewesen, da sich die Angeklagten durch ihre Tat außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt hätten, hieß es im Urteil.

Theophil Jazdziewski verbüßte die Strafe vom 23.8.1935 bis zum 21.9.1938 im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen. Am Tag seiner Entlassung wurde er direkt der Gestapo Bremen zugeführt, die seine Einweisung in das KZ Buchenwald ab 1.10.1938 veranlasste. Von dort wurde er am 24.10.1940 in das KZ Dachau überstellt. Während seiner Haftzeit verstarb seine Frau am 2.5.1941. Die Kinder hofften vergeblich auf seine Teilnahme an ihrer Beerdigung. Erst Tage danach konnte er ihnen dazu eine Nachricht zukommen lassen. Am 3.6.1941 verstarb er selbst. Die Familie erhielt eine Mitteilung vom Lagerkommandanten, er sei an Herz- u. Kreislaufversagen verstorben. Sein Leichnam wurde am 5.6.1941 eingeäschert und später in Bremen auf dem Osterholzer Friedhof bestattet.

Peter Christoffersen (2020)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E3019, 9, S-9-17-52
Marßolek, Inge/Ott,René: Bremen im 3.Reich, Bremen 1986

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Politisch Verfolgte
Glossarbeitrag Volksgerichtshof