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Pauline Cohen, *1876

Deportiert 1941
Ermordet in Minsk


Bürgermeister-Smidt-Straße 27/29
Bremen-Mitte
ehemalige Straßenbezeichnung: General-Ludendorff-Straße 37

Verlegedatum: 30.09.2014


Bürgermeister-Smidt-Straße 27/29 - Weitere Stolpersteine:


Pauline Cohen

geb. 29.9.1876 Bremen

Pauline Cohen war die Tocher von August Moritz Cohen (geb. 12.4.1845 in Scharmbeck) und seiner Ehefrau Bertha, geb. Vogelstein (geb. 17.4.1848 in Lage). Ihre Mutter war eine Tochter des liberalen Rabbiners Israel Vogelstein aus Stettin. Das Ehepaar heiratete am 4.9.1872 in Bad Oeynhausen und bekam vier Töchter, die alle in Bremen geboren wurden: Meta (geb. 4.7.1873), Fanny (geb. 4.3.1875), Ella (geb. 11.7.1878), und Pauline.

Ihr Großvater Nathan Cohen hatte ein Schlachtergeschäft in Osterholz-Scharmbeck, das 1864 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden musste. 1872 zog ihr Vater nach Bremen. Er hatte bei seinem Vater das Schlachterhandwerk gelernt aber auch eine Gymnasialbildung außerhalb von Osterholz-Scharmbeck erhalten. In Bremen gründete er im Stephaniviertel ein eigenes Schlachtergeschäft. Er erwarb 1878 die bremische Staatsangehörigkeit. Von 1885 bis 1890 war er als Vertreter der IV. Klasse Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Zur vierten Klasse gehörten die Stadtbürger, die weder Universitätsabschluss (1. Klasse) hatten, noch Mitglieder des Kaufmanns- oder Gewerbekonvents (2. u. 3. Klasse) waren.

Um 1890/1891 gab er seine Schlachterei auf und wurde Versicherungskaufmann. In den Adressbüchern ist er als Ober-Inspector und Generalagent der Victoria-Versicherung Berlin und der Oberrheinischen Versicherungsgesellschaft Mannheim aufgeführt. Die Familie lebte nun in der Faulenstraße. Nach seinem Tod am 27.3.1909 führte seine Witwe die Versicherungsagentur fort. Um 1912/1913 zog sie in die Ellhornstraße 45. Noch 1935 taucht sie als zu boykottierendes Geschäft in der NSDAP-Broschüre "auch dich geht es an" auf, da war sie bereits im 87. Lebensjahr. Sie starb am 21.8.1939. Der Familiengrabstein ist auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt erhalten.

Zum Verlauf des Lebens von Pauline Cohen gibt es heute nur noch wenige Unterlagen, die ausgewertet werden konnten; Hauptquelle ist ihre Einwohnermeldekarte. Sie war unverheiratet und arbeitete als eine von zwei Prokuristinnen bei der Firma Jacob Meyer AG. Die Firma "Jacob Meyer Lumpen-Sortieranstalt AG" in Osterholz-Scharmbeck und Bremen, Industriestrasse, war eines der führenden Betriebe in der Altwarenverwertung und hatte noch 1938 über 40 Mitarbeiter. Dem Firmengründer wurde 1938 ein vermeintliches Devisenvergehen vorgeworfen, woraufhin er am 28.2. nach Holland floh; er verstarb am 28.2.1940 in Amsterdam. Seine Firma wurde auf Anweisung einer Reichsbehörde am 2.3. 1938 „arisiert“, alle jüdischen Mitarbeiter zum 15.3. entlassen.

Pauline Cohen lebte wie ihre Mutter in der Ellhornstraße 45. Am 3.9.1941 musste sie ihre Wohnung verlassen und zwangsweise in das "Judenhaus" General-Ludendorff-Straße 37 (heute: Bürgermeister-Smidt-Straße) umziehen.

Am 18.11.1941 wurde sie mit ihrer Schwester Ella Meyer von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Dort wurden sie ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen, die einen Höhepunkt in der Vernichtung des überwiegenden Teils der Bewohner des "Sonderghettos" am 28./29.7.1942 fand, zum Opfer.

Ihre Schwester Meta heiratete in Berlin den Niederländer Jacques Abraham van Dam, der ein Antiquitätengeschäft in der Wilhelmstraße führte und sich "Hoflieferant Seiner Majestät des Kaisers und Königs" bezeichnen durfte. Sie flüchtete später in die Niederlande und überlebte dort die Verfolgungszeit; sie starb 1957 in Essen. Ihr Sohn Hendrik George studierte Rechtswissenschaften, ging im April 1933 in die Schweiz. Er promovierte ich in Basel und arbeitete ab 1934 als Korrespondent u.a. der Basler Nachrichten in Holland. 1940 flüchtete er nach England. Er kam als britischer Soldat nach Deutschland zurück, war u.a. am Wiederaufbau der Gerichtsorganisation in Oldenburg bis 1951 beteiligt und nach der Gründung des Zentralrats der Juden in Deutschland, bis zu seinem Tod 1973, dessen Generalsekretär.

Verfasser:
Peter Christoffersen (2014)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E11445, 9,S3-Cohen, August Moritz, 4,60/3 Nr. 965/1873 u. Nr. 375/1875, 2.P.8.A.6.a.5 Bd. 280 (7), 4,54-Ra831/1, Einwohnermeldekartei
Bremer Adressbuch
Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen Bd. 2, Bremen 1995
Max Markreich, Geschichte der Juden in Bremen und Umgebung, San Francisco 1955, Anhang, Staatsarchiv Bremen Ai-63b
Klaus Beer, Ein Denkmal für Familie Cohen, Osterholz-Scharmbeck 2001
Andrea Sinn, Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik, Göttingen 2014

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Minsk