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Flora Pionkowski, geb. Kayser, *1863

Deportiert 1942 Theresienstadt
tot 11.1.1943


Kapitän-Dallmann-Str. 23
Bremen-Blumenthal


Kapitän-Dallmann-Str. 23 - Weitere Stolpersteine:


Flora Pionkowski

geb. 13.7.1863 in Blumenthal

Flora Kaysers Vater Moses Kayser (1831-1916) stammte aus Grohn, ihre Mutter Elise, geb. Gottschalk (1839-1913), aus Blumenthal. Die Familie wohnte auf einem eigenen Grundstück in der Langestraße 91 (später Kapitän-Dallmann-Straße 23)in Blumenthal; der Vater betrieb dort einen Produktenhandel mit Gebrauchtwaren aller Art. Flora hatte drei Brüder: Julius (1860-1868), Louis (1872-1925) und den 1872 geborenen Moritz, der Kaufmann wurde und im Jahr 1900 das Geschäft des Vaters übernahm.

Flora Kayser heiratete den seit 1886 in der Synagogengemeinde Aumund als Lehrer beschäftigten Isidor Pionkowski aus Woldenberg (Neumark) und zog mit ihm in seine Heimat. Nach den bisher bekannten Unterlagen hatten sie zwei Kinder. Am 25.4.1895 wurde in Schwiebus (Neumark) der Sohn Julius geboren; außerdem hatte das Paar eine Tochter, deren Name und Schicksal bisher nicht geklärt werden konnten.

Seit 1902 amtierte Isidor Pionkowski als Kantor, Lehrer und Prediger in Woldenberg (Neumark). Der Ort hatte damals um die 5.000 Einwohner, darunter 1905: 93 und 1925: 60 Juden. Die Synagoge der jüdischen Gemeinde zu Woldenberg war 1858 in der Junkerstraße eingeweiht worden, als die Zahl der Gemeindemitglieder noch das Doppelte betrug. In den folgenden Jahrzehnten wanderten viele Juden in die Großstädte ab. Im Adressbuch des Kreises Friedeberg aus dem Jahr 1924 findet sich die Eintragung: „Pionkowski, Isidor; Kantor; Junkerstr. 9; Haushaltungsvorstand“.

Der 1915 in Woldenberg geborene Hans-Joachim Rosenberg, Sohn des jüdischen Konfektionshändlers Willy Rosenberg, hat in seinen im Alter in Australien verfassten „Erinnerungen an Woldenberg“ den amtierenden Kantor Isidor Pionkowski beschrieben:

„ ... ein orthodoxer Jude, dem ich meine rudimentären Kenntnisse der jüdischen Glaubenslehren verdanke. Er war ein freundlicher alter Herr; seine emotionale Art zu predigen fand bei den Christen, die es zu den jüdischen Begräbnissen zog, damit sie seinen Grabreden zuhören konnten, weitaus mehr Anklang als bei seinen Juden. Mit seinem grauen Bart, seinen semitischen Gesichtszügen und seinen freundlichen klugen Augen verkörperte er die Essenz des Judentums.“

1934 verlieh das Berliner Rabbinerseminar Isidor Pionkowski ehrenhalber die Titel „Morenu“ (Religionsgelehrter) und „Rabbiner“. Er starb im Dezember 1935 in Woldenberg.

Flora Pionkowski zog nach dem Tod ihres Mannes nach Breslau, wo ihr Sohn Julius, der Kaufmann geworden war, sowie ihre Tochter lebten. Zunächst wohnte sie in der Augustastraße 56 in beengten Verhältnissen bei der Tochter; auf Betreiben des Sohnes war sie ab 1937 in einem jüdischen Altersheim untergebracht. Im selben Jahr hielt sich ihr Bruder Moritz Kayser in Breslau auf; möglicherweise trug er dazu bei, den Heimaufenthalt seiner Schwester zu finanzieren, denn ihre Witwenpension betrug nur 63,20 RM im Monat, während die Israelitische Alters-Versorgungs-Anstalt für einen Platz im Altersheim 120 RM verlangte.

Am 26.7.1942 wurde Flora Pionkowski mit dem Transport IX/1 von Breslau in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort erlag sie am 11.1.1943 den Entbehrungen; die Todesfallanzeige des Ältestenrats gab als Ursache „Altersschwäche“ an.

Floras Sohn Julius Pionkowski und Ehefrau Elfriede, geb. Jakobowitz, wurden am 3.5.1942 in das Ghetto Lublin deportiert und fanden dort den Tod.
Floras Bruder Moritz Kayser, dem es 1941 gelang, nach Kuba zu fliehen, konnte nach
Kriegsende zu seiner Tochter in die USA reisen; er starb 1948 in Cincinnati, Ohio.

Verfasser:
Wiltrud Ahlers / Michael Cochu (2013)

Informationsquellen:
Adressbuch der Stadt Woldenberg (1924)
Rosenberg, Hans-Joachim: Reminiscences of Woldenberg/Nm, (www.woldenberg-neumark.eu), Zitat übers. M. Cochu
Akte der Israelitischen Alters-Versorgungs-Anstalt zu Breslau über Flora Pionkowski geb. Kayser.
Todesfallanzeige für Flora Pionkowski (Nationalarchiv Prag)

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Theresienstadt