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Dr. Friedrich Dreyer, *1883

Gedemütigt/Entrechtet,
Flucht in den Tod 23.12.1938


Loignystraße 29
Bremen-Schwachhausen

Verlegedatum: 03.12.2015

Friedrich Dreyer

Friedrich Dreyergeb. am 7.4.1883 in Wiesbaden

Friedrich Dreyer stammt aus Wiesbaden. Sein Vater Ludwig wurde am 14. 5. 1841 als Sohn des praktischen Arztes Dr. Alexander Dreyfus in Edenkoben in der Pfalz geboren. Ludwig wurde entgegen seiner ursprünglichen Absicht, dem Beruf des Vaters zu folgen, Kaufmann und erwarb sich ein beachtliches Vermögen im Diamanten-Handel zwischen Südafrika und London. Nach Aufenthalten in der Kap-Provinz ließ er sich zunächst in London nieder. Er heiratete am 6. 6. 1876 in Stuttgart die am 5. 12. 1857 geborene Ida Jordan, die einer angesehenen Stuttgarter Juristenfamilie angehörte. 1882 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Wiesbaden. Der Vater hatte im Verlauf der 1880er Jahre die preußische Staatsbürgerschaft erworben. Im Dezember 1894 ließ er seinen Familiennamen „Dreyfus“ in „Dreyer“ ändern, da er sich nicht in Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich gebracht sehen wollte. Es mag zudem ein Akt der Assimilierung sein: er hatte bereits in England sein Judentum abgelegt und war Christ geworden. Ludwig Dreyer starb am 15. 1. 1924 in Wiesbaden.

Friedrich (geb. 7.4.1883) wuchs in der Schubertstr. 1 in Wiesbaden, wo die Familie ihr Domizil errichten ließ, zusammen mit den Geschwistern Nelly (geb. 23.2.1881), Wilhelm Alexander (geb. 8.4.1882), Arnold (geb. 10.5.1890) und Margarethe (geb. 25.12.1892) auf. Er wurde evangelisch getauft. Nach der Schulzeit absolvierte er wie seine beiden Brüder eine juristische Ausbildung. Zum Studienabschluss fertigte er eine Dissertation an zu dem Thema: „Die rechtliche Stellung des Gemeindewaisenrats in Preussen“ (1906). Seine berufliche Laufbahn war die eines Verwaltungsbeamten in verschiedenen Funktionen der Steuer- und Finanzverwaltung.
Allerdings wurde diese Laufbahn durch den Einsatz im 1. Weltkrieg an der West- (1915-1917) und Ostfront (ab 1917) unterbrochen. Im November 1918 kehrte er aufgrund einer Lungenerkrankung
mit einem Lazarettzug aus Russland nach Deutschland zurück. Für seine außerordentlichen Leistungen in der Versorgung der 8. Armee wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Seit 1917 war er mit Charlotte Sophie Lisette Schmidt, geb. am 17.4.1894 in Görlitz, verheiratet. Sie war die Tochter des Kunstmalers Carl Christian Schmidt und dessen Ehefrau Agnes, geb. Grünert. Das Ehepaar lebte von 1923-1933 in Schwerin, ab 1934 in Bremen. Die Ehe blieb kinderlos.

Dr. Friedrich Dreyer wurde ab 1923 beim Landesfinanzamt Mecklenburg-Lübeck eingesetzt. Offenbar wurde er 1933 nicht aus dem Dienst der Finanzverwaltung entlassen (trotz des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“) und konnte weiterhin beruflich tätig sein. Zum 1. 4. 1934 wurde er von Schwerin aus als Oberregierungsrat an das Landesfinanzamt Weser-Ems in Bremen versetzt. Obwohl er evangelisch getauft war, galt er nach den Nürnberger Gesetzen als Jude. Aufgrund des „Reichsbürgergesetzes“ wurde er am 4. 10. 1935 vom Dienst beurlaubt und mit Ablauf des 31. 12. 1935 in den Ruhestand versetzt.

Eine Arbeitsmöglichkeit hatte Friedrich Dreyer fortan nicht mehr. Aus gesundheitlichen Gründen wäre er gern in die Schweiz gezogen. Dem hätte seitens der Behörden wohl nichts im Wege gestanden, allerdings lehnte man es ab, ihm das Ruhegehalt ins Ausland zu transferieren. Im Gefolge der Reichspogromnacht musste er zur „Wiedergutmachung“ eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 3.500 RM leisten. Die 1. Rate entrichtete er noch zu seinen Lebzeiten; die restlichen Raten musste die Witwe übernehmen (die dafür 1954 entschädigt wurde).
Es ergab sich alles in allem eine ausweglose Situation mit der persönlichen Konsequenz, dass er sich während einer vorübergehenden Abwesenheit seiner Frau am 23.12.1938 das Leben nahm.
Zu den näheren Umständen des Todes ist wohl zu zählen, dass er unter dem erschütternden Eindruck stand, dass sein Bruder Wilhelm, mit dem ihn eine innige Freundschaft verband, wenige Wochen zuvor im Zuge der Reichspogromnacht nach Buchenwald deportiert worden und dort am 24. 11. 1938 umgekommen war. Ein solches Geschehen wollte er seiner Frau und auch sich ersparen. Seine Ehe mit Lotte muss, nach Familienbriefen zu schließen, sehr glücklich gewesen sein.

Zu den Umständen ist in Betracht zu ziehen, dass sich in Bremen in den letzten Monaten des Jahres 1938 Verhaftungen und Deportationen häuften und die Lebensverhältnisse immer bedrohlicher wurden. Darüber hinaus ist der allgemeine Zusammenhang mit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. 11. des Jahres offenkundig: „Die Selbstmorde deutscher Juden ereigneten sich im Kontext der nationalsozialistischen Rassenpolitik ... und können als letzte individuelle Versuche gelten, unter den verheerenden Bedingungen des Holocaust Würde und Handlungsfreiheit zu bewahren“ (Goeschel 2011, S. 22). Die Zahl jüdischer Selbstmorde stieg in mehreren Wellen stark an, so seit der Machtergreifung 1933, nach Verabschiedung der Nürnberger Gesetze 1935 und wieder im unmittelbaren Zusammenhang mit den Novemberpogromen des Jahres 1938. Nachdem in ganz Deutschland Synagogen zerstört, Wohnungen verwüstet und völlig willkürlich Juden ermordet worden waren, war offensichtlich, dass Juden keinen Platz mehr in einem nationalsozialistischen Deutschland hatten, obwohl viele sich hier beheimatet fühlten und für dieses Land gelebt und gearbeitet hatten. In dieser Situation häuften sich die Selbstmorde, die keineswegs im Sinne individuellen Fehlverhaltens, vielmehr als einziger Weg zur Wahrung der persönlichen Würde zu verstehen sind. Insofern handelt es sich um eine „Flucht in den Tod“.

Die Familie Dreyer insgesamt hatte ein schweres Schicksal zu erleiden. Friedrichs jüngster Bruder Arnold war bereits am 30. 7. 1915 als Kriegsfreiwilliger bei Bausk in Russland gefallen. Die Mutter erhielt dafür das „Ehrenkreuz für Mütter gefallener Soldaten“. Der Bruder Wilhelm kämpfte im 1. Weltkrieg sowohl in Ostpreußen als auch in den Schlachten um Verdun, an der Aisne und in der Champagne. Schwere Verwundungen mussten in mehreren Lazarettaufenthalten auskuriert werden. Auch er erhielt Auszeichnungen: das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Hamburgische Hanseatenkreuz sowie 1934 das von Reichspräsident Hindenburg gestiftete „Ehrenkreuz des Weltkrieges 1914-1918“. Gleichwohl ereilte ihn, wie schon erwähnt, das Schicksal, am 24. 11. 1938 im KZ Buchenwald umgebracht zu werden. (Ihm wurde am 27. 1. 2009 in Wiesbaden ein Stolperstein gesetzt.)

Die Mutter Ida Dreyer wurde im April 1939 gezwungen, ihren Goldschmuck und alle im Haushalt vorhandenen Silbergegenstände bei der Städtischen Darlehensanstalt abzuliefern. Durch gute Bekannte hatte sie erfahren, dass eine Deportation bevorstand. Um sich der drohenden Deportation in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich zu entziehen, nahm sie sich am 11. 11. 1940 das Leben.

Übrigens heiratete die Witwe Charlotte Dreyer am 2. April 1942 einen Kollegen und Freund ihres Mannes bei der Finanzbehörde in Schwerin, Regierungsdirektor Dr. Albert Otto Nieberl. Die Eheleute wohnten nach dem Krieg in Schelldorf bei Kempten. Ende 1957 starb Charlotte Nieberl an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Ihr Fahrzeug war infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse verunglückt.

Verfasser:
Barbara Johr/Günter Kleinen (2015)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E 4878
persönliche Hinweise von Frau Dr. Gesine Schulz
Rolf Faber, Karin Rönsch: Wiesbadens jüdische Juristen. Leben und Schicksal von 65 jüdischen Rechtsanwälten, Notaren, Richtern, Referendaren, Beamten und Angestellten. Wiesbaden: Schriften des Staatsarchivs Wiesbaden 2011
Christian Goeschel: Selbstmord im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2011

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Rassengesetzgebung