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Johanna Rose Leuwer, geb. Neumark, *1871

deportiert 1942 nach Theresienstadt
tot 8.2.1943


Kurfürstenallee 9
Bremen-Schwachhausen

Johanna Rose Leuwer

Johanna Rose Leuwergeb. 24.12.1871 in Bremen

Johanna Rose (genannt Anni) Leuwer, geb. Neumark, kam aus einer liberalen, assimilierten Familie protestantischer Konfession. Ihr Bruder Fritz war ein angesehener Architekt, der Bruder Adolph Arzt. Sie erhielt eine Ausbildung zur Dentistin.

Im Jahr 1893 heiratete sie Hermann Mengers, mit dem sie in Berlin lebte. Dort wurde 1894 die Tochter Rosita Ilse geboren, die später nach Palästina auswanderte. Die Ehe von Anni und Hermann Mengers wurde 1895 geschieden.

Anni Mengers kam nach Bremen zurück und betrieb am Schüsselkorb 9/10 eine eigene Praxis. Im Jahr 1911 heiratete sie den Bremer Buch- und Kunsthändler Franz Leuwer. Sie wohnten in der Bismarckstraße 51. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: Elisabeth Wilhelmine, geb.1912 und Franz Josef, geb. 1916.

Die Buch- und Kunsthandlung Franz Leuwer in der Obernstraße 14 galt als Institution in Bremen. Anni war zur Hälfte an dem Geschäft beteiligt. Kurz nach der Geburt seines Sohnes starb Franz Leuwer im 41. Lebensjahr im April 1916. Anni erbte das Geschäft mit seinen Filialen auf Wangerooge, Borkum und Spiekeroog sowie die zahlreichen Bordbuchhandlungen auf Passagierschiffen des Norddeutschen Lloyds. Sie übertrug die Geschäftsführung dem Prokuristen Carl Emil Spiegel, der gleichfalls Anteile am Geschäft erwarb. Bereits 1933 drängte der Norddeutsche Lloyd auf eine „Arisierung“ des Unternehmens, da er in der jüdischen Eigentümerin der Bordbuchhandlungen eine Gefahr für das Ansehen der Reederei sah. Das Unternehmen wurde im selben Jahr auf Spiegel überschrieben. Anni Leuwer erhielt eine monatliche Rente.

Die Häuser in der Obernstraße und Bismarckstraße wurden 1939 „arisiert“.

Anni Leuwer konnte sich nicht zur Emigration durchringen. In den Lebenserinnerungen ihres Sohnes findet sich folgendes Zitat: „Egal, was passiert, man wird einer alten Dame, einer Frau wie mir, schon nichts tun. Was man mir Böses antun konnte, hat man bereits getan.“ Ein fataler Irrtum. Sie musste ihr Haus in der Bismarckstraße verlassen und lebte kurzzeitig in der Wohnung ihres Bruders Fritz in der Kurfürstenallee 9 und zuletzt im „Judenhaus“ in der Franz-Liszt-Straße 11a. Am 23.7.1942, im 71. Lebensjahr, wurde sie nach Theresienstadt deportiert und verstarb dort am 8.2.1943.

Die Tochter Elisabeth war 1935 nach London ausgewandert, wo sie noch im selben Jahr Geoffrey David Hill heiratete. Der Sohn Franz, gelernter Buchhändler, eignete sich noch in Bremen Grundbegriffe des Kaffeehandels an und emigrierte 1938 nach England. Dort nahm er den Namen Leuwer-Lynder an. Im Juni 1945 kam er als britischer Presse-Offizier erstmals wieder nach Bremen.

Annis Bruder Fritz wurde während der Pogromnacht 1938 verhaftet und emigrierte 1939 nach England. Ihr Bruder Adolph wurde gleichfalls in der Pogromnacht verhaftet, war im Februar 1945 zur Deportation nach Theresienstadt vorgesehen, konnte aber rechtzeitig untertauchen. Er verstarb am 14.12.1945 in Bremen.


Verfasser:
Kristine Grzemba/Peter Christoffersen (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54- E2533
Nils Aschenbeck, 100 Jahre Buch- und Kunstsammlung Franz Leuwer, Bremen 2003

Abbildungsnachweis: Privatbesitz

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Christen jüdischer Herkunft
Glossarbeitrag Rassengesetzgebung
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Theresienstadt