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Hermann Jelken, *1907

eingewiesen 9.12.1943 in die "Heilanstalt" Meseritz
ermordet 26.2.1944


Am Staatsarchiv/im Zugang vom Rembertiring
Bremen-Mitte
ehemalige Straßenbezeichnung: Wilhelmstr. 27

Hermann Jelken

geb. 14.4.1907 in Loga bei Leer

Mit der Diagnose „akute Verwirrtheitszustände“ wurde der Arbeiter Hermann Jelken 1932 in die Bremer Nervenklinik eingewiesen, wo man ihn schon bald darauf als „gebessert“ entließ. In den darauffolgenden Jahren kam es aus ähnlichen Gründen immer wieder zu Einweisungen.

Im Sommer 1942 brachte man den jungen Mann zusammen mit 125 anderen Patienten aus der Bremer Nervenklinik in die Landesheilanstalt Hadamar, wo er fast ein Jahr lang in der Küche arbeitete. „Leistet hier gute Arbeit. Ein neuer Entweichungsversuch ist nicht vorgekommen. Wird frei behandelt.“ schrieb der Hadamarer Anstaltsleiter im Sommer 1943 in die Krankenakte. Offensichtlich hatte Jelken einen erfolglosen Fluchtversuch unternommen, den er kurz darauf, diesmal erfolgreich, wiederholte. Fast bedauernd notierte der Arzt, dass der „ordentliche und anstellige“ Mann entwichen sei.

In einer 1986 erschienenen Publikation wurde das Schicksal des ehemaligen Bremer Patienten als Beispiel für eine geglückte Flucht aus der Mordanstalt Hadamar angeführt und tatsächlich gelang es Hermann Jelken, zu seiner Mutter nach Bremen zurückzukehren. Hier arbeitete er nachts als Luftschutzwache und tags bei einem „Blitz-Eilboten“. Parallel dazu wandte er sich mit mehreren Schreiben an den ärztlichen Leiter der Hadamarer Anstalt, damit er ihm seine Ausweispapiere zusende, da er sie dringend „zu einem geordneten Leben“ benötige. Natürlich hatten seine Bitten keinen Erfolg. Als er sich bei einer Routineüberprüfung nicht ausweisen konnte, brachte ihn die Bremer Polizei zurück in die Bremer Nervenklinik. Hier berichtete er, dass er „aus Hadamar entwichen sei, weil er nicht sterben und nicht umgebracht werden wollte.“ Er habe dabei einen „ruhigen, glaubhaften Eindruck“ gemacht und „bitterlich“ geweint, erinnerte sich Jahre später der zuständige Pfleger.

Auch ein Arzt berichtete über die Geschichte Jelkens, als er Ende der 1940er Jahre im Entnazifizierungsprozess nach seinem Wissen über das „Euthanasie“-Programm befragt wurde. Jelken habe zwar über die mörderischen Verhältnisse in Hadamar berichtet, allerdings habe es sich bei ihm „um einen schwer Geisteskranken“ gehandelt, „so dass ich dieser Berichterstattung nicht unbedingt Glauben schenken konnte.“ Tatsächlich versuchte die Bremer Anstaltsleitung den Patienten sofort wieder nach Hadamar zu verlegen, aber dort lehnte man seine Wiederaufnahme ab.

Seine Abschiebung in die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde im Dezember 1943 überlebte Jelken nur zwei Monate. Ein erneuter Versuch, seinen Mördern zu entkommen, schlug fehl. Nur einen Tag nachdem die Polizei ihn aufgegriffen und wieder zurück in die Anstalt gebracht hatte, war der 36jährige tot. Die offizielle Todesursache lautete „Herzschwäche bei Grippe“.


Verfasserin:
Gerda Engelbracht (2011)

Informationsquellen:
Engelbracht, Gerda, Der tödliche Schatten der Psychiatrie. Die Bremer Nervenklinik 1933-1945, Bremen 1996, S. 121-123.

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Euthanasie" / Zwangssterilisation
Glossarbeitrag "Heilanstalten"