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Tauba Lipschütz, geb. Blumenfrucht, *1888

ausgewiesen 1938 nach Polen
ermordet in Auschwitz


Sebaldsbrücker Heerstr. 29
Bremen-Hemelingen


Sebaldsbrücker Heerstr. 29 - Weitere Stolpersteine:


Tauba Lipschütz

Tauba Lipschützgeb. 24.6.1888 in Krakau

Tauba (Toni) Lipschütz, geb. Blumenfrucht, stammte aus Polen. Ihre Eltern waren Jacob Blumenfrucht und Ratza Blumenfrucht, geb. Tilles. Tauba heiratete 1909 in Krakau Feiwel Lipschütz. Ab 1909 waren sie in Bremen gemeldet.
Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, die alle in Bremen geboren wurden: die Töchter Erna (geb. 1910), Lotti (geb. 1913) sowie Henny (geb. 19219 und der Sohn Jacob (geb. 1930). Ihr Ehemann Feiwel betrieb eine Sackgroßhandlung.

Am 27./28.10.1938, im Rahmen der Polenaktion, erhielt die Familie Lipschütz die Ausweisungsverfügung nach Polen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Feiwel auf einer Geschäftsreise in Belgien, möglicherweise besuchte er auch seine Tochter Erna, die in Antwerpen lebte. Damit entging er der Ausweisung nach Polen, während Tauba und die Kinder Henny, Lotti und Jacob abgeschoben wurden. Tauba ging mit ihren Kinder nach Krakau.

Feiwel versorgte seine Familie von Antwerpen aus mit Geld, und zwar über einen Silberwarenhändler (Reinhold & Kornreich), der oft in Antwerpen war. Tauba gelang es im April 1940, für sich und die Kinder mittels eines hohen Bestechungsgeldes eine 24-stündige Aufenthaltsgenehmigung für Berlin von einer deutschen Behörde in Krakau zu bekommen. Sie trafen in Berlin ein und hatten sich dort täglich bei der Fremdenpolizei zu melden. Sie wohnten bei einer befreundeten Familie. Tauba versuchte, dort vom belgischen Konsulat eine Einreiseerlaubnis zu erlangen. Da sich dies in die Länge zog, bestach sie mit 4.800 RM erfolgreich den Polizeibeamten. Das Geld lieh sie sich von der Gastfamilie und der jüdischen Gemeinde in Berlin. Nach gut zwei Wochen beschlossen sie, nicht mehr länger auf die Einreiseerlaubnis zu warten und fuhren nach Duisburg. Feiwel hatte einen Rheinschiffer gefunden, der sie dort erwartete und sie Ende April 1940 nach Antwerpen schmuggelte. Zu seinen Ehren gab Feiwel nach der Flucht ein großes Fest in Antwerpen und überreichte ihm dabei das vereinbarte Fluchtgeld.

Im Oktober 1940 verfügte die deutsche Besatzungsmacht, dass alle in Belgien lebenden Juden von den Wohnortgemeinden zu registrieren waren. Es meldeten sich 45.000 Menschen an. Das Antwerpener Judenregister, das erhalten geblieben ist, besteht aus über 10.000 Karteikarten. Die Karteikarten bildeten die Grundlage für die Deportationen. Auch die Registrierungskarten der Familie Lipschütz sind erhalten geblieben. Am 9.10.1942 wurde die gesamte Familie in das belgische Sammellager Malines/Mechelen (Kaserne Dossin) eingewiesen. Von dort wurden Tauba und Feiwel Lipschütz und ihr Sohn Jacob am 10.10.1942 mit dem Transport XIII, Nr. 626, 627 und 628 Richtung Auschwitz deportiert. In Kosel (Landkreis Görlitz) wurden Feiwel und Jacob von der Organisation Schmelt aus dem Transport aussortiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Sicher ist, das Feiwel später in das KZ Auschwitz gebracht wurde, da am 4.3.1943 sein Name noch in den Kommandolisten des Vernichtungslagers auftaucht. Weitere Angaben über ihre Schicksale fehlen.

Feiwel, Tauba und Jacob Lipschütz wurden auf den 8.5.1945 für tot erklärt.

Die Tochter Erna hatte 1937 in Antwerpen Salomon Einhorn geheiratet. Sie hatten zwei Kinder. Die Familie wurde am 1.3.1943 ebenfalls in das Lager Malines/Mechelen eingeliefert und am 19.4.1943 nach Auschwitz deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Sie wurden nach Kriegsende für tot erklärt.

Die Tochter Lotti wurde bereits am 15.9.1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie am 17.9.1942 eintraf. Ihr wurde die Nummer 19850 auf den Arm tätowiert. Am 27.1.1945 wurde sie von der Russischen Armee befreit. Sie emigrierte später in die USA.

Die Tochter Henny wurde ebenfalls am 15.9.1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie am 17.9.1942 eintraf. Ihr wurde die Nummer 19851 auf den Arm tätowiert. Am 27.1.1945 wurde auch sie von der Russischen Armee befreit. Sie emigrierte später in die Schweiz.

Im Rahmen des Entschädigungsverfahrens der überlebenden Töchter, in dem die finanziellen Verhältnisse des Vaters geklärt werden mussten, verlangte das Landesamt für Wiedergutmachung noch im Jahre 1967 genaue Angaben über die Höhe der Bestechungsgelder, Namen und derzeitige Anschrift der Beteiligten sowie Angaben über die entsprechenden Dienststellen.

Moses Lipschütz, der Vater von Feiwel Lipschütz, war Kantor der ostjüdischen Gemeinde „Beth Hamidrasch Schomre Schabbos“ (Haus der Schabbath-Hüter), die ihr Bethaus in der Sebaldsbrücker Heerstraße 55 hatte.

Vater:
Jacob Blumenfrucht
Mutter:
Ratza Blumenfrucht, geb. Tilles

Kinder:
Erna, verh. Einhorn, geb. 1910 in Krakau
Lotti, verh. Mehl, geb. 1913 in Bremen (überlebt)
Henny, verh. Bernsohn, geb. 1921 in Bremen (überlebt)
Jacob, geb. 1930 in Bremen


Verfasser:
Peter Christoffersen (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen Akte 4,54-E10344
Judenregister Antwerpen
Archiv Kazerne Dossin, Mechelen

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag Malines / Mechelen
Glossarbeitrag Auschwitz
Glossarbeitrag Ostjüdische Gemeinde