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Johanna Roger, geb. Ursell, *1886

Flucht 1933 in die Tschechoslowakei deportiert 1942 nach Theresienstadt
ermordet in Auschwitz


Slevogtstr. 42
Bremen-Schwachhausen
ehemalige Straßenbezeichnung: König-Albert-Str. 42


Slevogtstr. 42 - Weitere Stolpersteine:


Johanna Roger

geb. 24.5.1886

Johanna und Ignatz Roger zogen am 4.3.1926, aus Berlin kommend, mit ihren beiden Kindern Heinz Josef und Trude in die Gravelottestraße 89 in Bremen. Ihr Vermieter war Carl Kahn, der Architekt des 1924-1926 aus rotem Klinker gebauten Wohnkomplexes von zehn Reihenhäusern war. In einem dieser Häuser feierten die Rogers regelmäßig das Pessachfest und andere jüdische Feiertage. Zur Bar Mizwa von Heinz kam 1928 die ganze Verwandtschaft nach Bremen.

Ignatz Roger (früher Rogozinski) hatte den Posten eines der beiden Geschäftsführer der Karstadt AG in Bremen übernommen. Er war am 12.1.1875 als Sohn von Nathan Rogozinski und seiner Frau Dorothea, geb. Moses, in Jerszice nahe Posen in Polen geboren. Im Februar 1914 hatte er in Kassel, wo er ebenfalls Geschäftsführer eines Warenhauses war, geheiratet. Seine Frau Johanna, geborene Ursell, Tochter einer weit verzweigten jüdischen Familie des Ortes, stammte aus Attendorn in Nordrhein-Westfalen. Das Ehepaar blieb nicht lange in Kassel. Schon am Ende des Jahres 1914 lebte es in Essen, wo Ignatz Roger Geschäftsführer des 1912 eröffneten Kaufhauses „Althoff“ wurde. Dort wurden die beiden Kinder der Rogers geboren: Heinz Joseph (1914) und Trude (1916).

Im Jahr 1921 wohnte die Familie in Berlin in der Uhlandstraße in Charlottenburg. Ignatz Roger war Sozius der Konfektionsfabrik „Konrad & Rogozinski“. Von Berlin aus kam die Familie dann 1926 nach Bremen in die Gravelottestraße. Am 1.4.1932 zogen sie in die Delbrückstraße 16 und am 26.7.1933 in die König-Albert-Straße 42 (heute Slevogtstraße). Der Sohn Heinz lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Bremen, und die Familie bereitete ihre Emigration vor.

In der Bremer Zeit besuchte der Sohn Heinz das Realgymnasium (heute Hermann-Böse-Gymnasium) und war auch Schüler der „israelitischen Religionsschule“. Nach der Mittleren Reife ging er ein Jahr lang auf eine Handelsschule, um dann 1931 eine Lehre als kaufmännischer Angestellter bei Karstadt zu beginnen. Die Tochter Trude war bis 1933 Schülerin der„Deutschen Oberschule für Mädchen an der Karlstraße“.

Ignatz Roger war in einer Zeit Geschäftsführer von Karstadt, die – trotz einiger Einbu- ßen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise – von den Planungen des Kaufhauses für ein neues Gebäude in der Obernstraße geprägt war, das im Februar 1932 mit großem Aufwand und starker Beteiligung vieler Bremer Bürger eingeweiht wurde. In der Presse war unter anderem zur Einweihung zu lesen: „Der Bremer Schlüssel öffnet dieses Haus. Das heißt altbremischer Kaufmannsgeist, Verantwortungsgefühl und allerhöchste Reellität – kurz: hanseatische Tugenden werden in diesem Hause allzeit wohnen.“ Mit diesen Tugenden war es in Bezug auf den jüdischen Geschäftsführer des Hauses 1933 vorbei. Ignatz Roger wurde gekündigt ebenso wie 43 weiteren jüdischen Geschäftsführern der Karstadt-Häuser in Deutschland. Auch sein Sohn wurde entlassen wie andere jüdische Mitarbeiter des Hauses.

Die Rogers reagierten schnell auf die demütigende Bedrohung. Am 7.11.1933 meldeten sie sich nach Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov) in der Tschechoslowakei, im Sudetengebiet, ab. Ignatz Roger konnte einen Teil seines Vermögens retten, pachtete die in Teplitz-Schönau ansässige Firma „Dickel & Heller“, eine Bandweberei, um sie später zu kaufen. Als 1938 abzusehen war, dass nach dem Münchener Abkommen das Sudetenland von den Deutschen annektiert werden würde, verließen die meisten Juden fluchtartig die Stadt. Ignatz Roger zog mit seiner Familie nach Budweis in Böhmen, wohin er auch die Maschinen seiner Firma verlegen ließ. Als im Frühjahr 1939 Böhmen und Mähren von den deutschen Truppen besetzt wurden, flohen die Rogers nach Prag und betrieben ihre Emigration nach Chile.

Die Maschinen seiner Firma musste Ignatz Roger nach langen Verhandlungen und einem erpresserischen einwöchigen Gefängnisaufenthalt im Prager Petschek-Palais entschädi- gungslos den Deutschen übereignen. Ignatz und Johanna Roger hatten Visa nach Chile bekommen. Erst als die Maschinen übergeben worden waren, stellten die Deutschen ihnen 1941 „Durchlaßscheine“ aus. Kriegsbedingt gab es jedoch keine Reisemöglichkeiten mehr nach Südamerika. Die bewegliche Habe hatten die Rogers schon im Juni 1939 vorausgeschickt; sie gelangte bis nach Antwerpen, wurde dort nach der Besetzung Belgiens durch die Deutschen
beschlagnahmt und fiel als „jüdisches Eigentum“ an das Deutsche Reich.

Die Tochter Trude berichtete später, ihre Mutter sei außerordentlich beherzt mit den Zwangslagen umgegangen, in die die Familie geraten sei. Sie habe „viele tapfere Besuche bei der Gestapo in Prag“ gemacht, bis der Sohn Heinz den „Durchlaßschein“ bekommen habe. Die Mutter lernte Pediküre und Handweberei und beschäftigte sich schließlich, als sich abzeichnete, dass der Sohn in Chile eine Möbelwerkstatt gründen würde, mit der Herstellung von Matratzen. Kurz vor ihrer Deportation schrieben Johanna und Ignatz Roger einen Brief an ihre Kinder – er ist das letzte Lebenszeichen der Eltern. Johanna schreibt:
Meine innigstgeliebten Kinder! - Heute hatten wir eine große Freude. Dein Rote Kreuz Brief l. Trude vom 23.II. kam an [...]. Nun muß dies leider für lange Zeit der letzte Brief sein, da wir Montag die Reise antreten. Das schmerzt uns am meisten, daß wir nun total mit Euch den Konnex verlieren. Aber mit Gottes Hilfe hoffen wir gesund zu bleiben, um dann noch einmal mit Euch zusammen leben zu können. Behaltet uns lieb. Ich weiß, wie Ihr Euch sorgt, wir sind aber noch nicht alt, widerstandsfähig und mutig. [...] Seid innigst geküsst und umarmt und tausendmal gegrüßt, in innigster Liebe verbleibe ich für lange Zeit Eure wirklich tapfere M.

Ignatz Roger, in manchen Quellen heißt er nun auch Hynek Roger, und seine Frau Johanna (teilweise auch Jana Rogerová genannt) wurden am 20.6.1942 von ihrer Wohnung in der Grégrova 5, Praha XII, mit dem Transport Aae-337 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort ist Ignatz Roger am 22. 2.1944 den Entbehrungen erlegen. Acht Monate später, am 12.10.1944, wurde Johanna Roger mit dem Transport Eq 779 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Man muss davon ausgehen, dass sie, zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt, kurz nach ihrer Ankunft in einer der Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Kinder von Ignatz und Johanna Roger lebten zu diesem Zeitpunkt schon längere Zeit in Chile. Heinz Roger zog im November 1933 zu seinen Eltern. In Prag verbrachte er zusammen mit dem Vater eine Woche im Gefängnis. 1939 konnte er nach Chile fliehen und ließ sich zunächst in Temuco nieder, wo er mit zwei anderen Emigranten eine kleine Firma für Bettgestelle und Kleinmöbel betrieb. Später, nach einem Umzug nach Valparaiso, hatten die Rogers ein Geschäft für Damenbekleidung. Zuvor hatte er im Juni 1944 Charlotte Philipp geheiratet, die 1923 in Berlin-Steglitz geboren und kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern nach Chile emigriert war. Das Paar bekam vier Kinder. Als Salvadore Allende an die Macht kam, entschlossen sie sich noch einmal auszuwandern, nach Israel. Dort ist er im Jahr 1994 gestorben. Charlotte Roger, inzwischen 93 Jahre alt, lebte 2016 in einem Seniorenheim in Haifa.

Trude Roger folgte gleichfalls ihren Eltern nach Teplitz-Schönau. Mit 20 Jahren, im Jahr 1936, heiratete sie Erwin Krauskopf, den Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers in Kar- bitz/Böhmen. Am 1.6.1938 kam ihre Tochter Dina zur Welt. Ende Oktober 1939 gelang ihnen über Genua die Flucht nach Chile. Auf der Höhe von Marseille wurde das Schiff vom französischen Militär gestoppt, und einige Männer wurden unter dem Verdacht, „deutsche Spione“ zu sein, verhaftet und interniert. Unter ihnen auch Erwin Krauskopf. Ihr Mann, inzwischen wieder frei gelassen, folgte einige Wochen später. Ihr Gepäck, das auch die wertvolle Kunstsammlung von Trudes Eltern enthielt, lagerte in einem Transitlager in Paris. Nach der Besetzung von Paris wurde es als „jüdisches Gut“ beschlagnahmt. Der Koffer Erwin Krauskopfs, der sämtliche Papiere der Familie enthielt, wurde ihm nach seiner Inhaftierung und Freilassung nachgesandt, auf einem Schiff, das durch einen Brand zerstört wurde. Erwin Krauskopf gründete aus kleinsten Anfängen eine Fabrik, die später in ganz Chile Marzipan vertrieb. Die Firma „Confitería Sur“ existiert bis heute. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Erwin Krauskopf starb 1966, Trude 2010.

Verfasserin:
Anning Lehmensiek (2017)

Informationsquellen:
Ignatz und Johanna Roger (hintere Reihe rechts)
StA Bremen Einwohnermeldekartei, 4,54-E10147, 4,54-E10148, 4,54-E-10149
Landesarchiv NRW Gerichte Rep. 0266 Nr. 7255
Hosenfeld, Hartmut: Jüdisch in Attendorn. Nachsuche: Die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Atten- dorn, Jüdisches Leben im Kreis Olpe Band IV, Attendorn 2006
Schriever-Abeln, Hans-Georg: Ein gutes Stück Bremen. Hundert Jahre Karstadt in Bremen. 1902-2002, Bremen 2002
Ich danke den Enkeln von Ignatz und Johanna Roger, Dina Krauskopf in Santiago de Chile und Daniel Roger in Berlin für Ihre Unterstützung und ihre Auskünfte per E-Mail.

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag Auswanderung
Glossarbeitrag Theresienstadt
Glossabeitrag Auschwitz