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Karoline Katzenstein, geb. Aschenberg, *1859

deportiert 1942 Theresienstadt
Tot 20.8.1942


Gr. Johannisstraße 58
Bremen-Neustadt

Karoline Katzenstein

geb. 5.2.1859 in Oelde

Karoline (Lina) Katzenstein zog 1886 mit Manus Katzenstein aus dem Hessischen nach Bremen. Das Paar heiratete in der Hansestadt, mietete eine Wohnung in der Pieperstraße und schloss sich der kleinen Israelitischen Gemeinde Bremen an, die sich damals in der Synagoge in der heutigen Kolpingstraße versammelte. Der zunächst als Schochet – als Schlachter gemäß den jüdischen Ritualvorschriften – tätige Manus Katzenstein wechselte 1893 den Beruf und etablierte sich als Handelsmann.

Lina Katzenstein war Hausfrau und Mutter. Sie schenkte zwei Söhnen das Leben. 1887 wurde Leopold geboren, der später als erfolgreicher Kaufmann wirkte und 1938 in die USA emigrierte (wo er 1966 verstarb); 1890 kam Julius zur Welt, der unter dem Pseudonym Josef Kastein zu einem bedeutenden zionistischen Schriftsteller der 1920er und 1930er Jahre avancierte (er verstarb 1946 in Haifa). Beide Söhne erhielten eine gute Schulbildung, weil die Eltern laut Julius „den für deutsche Juden üblichen Ehrgeiz des sozialen Aufstiegs der Kinder hatten“. 1903 ließ Manus Katzenstein sich und seine Familie in den Staatsverband der Freien Hanse¬stadt aufnehmen und erwarb im gleichen Jahres das von der Großen Johannisstraße 58 zum Neustadtswall durchgehende Grundstück mit Wohnhaus, Schuppen und Lagerplatz zum Preise von 26 000 Mark.

Über die Lebensformen des Elternhauses wissen wir von Julius alias Josef Kastein, dass sie im protestantischen Bremen eine gemäßigte jüdische Orthodoxie pflegten: „So oft wir über jüdische Dinge sprachen, und seien es die belanglosesten, und das christliche Hausmädchen das Zimmer betrat, legte meine Mutter sofort die Hand auf den Mund und gebot Schweigen. Es schien beinahe so, als rühre das Sprechen über jüdische Dinge an irgendwelche Geheimnisse.“ Es gab noch tiefere Geheimnisse. Ein Bruder der Mutter war Kunstmaler geworden und hatte eine Nichtjüdin geheiratet. Er hatte damit „sein Volk verlassen“ und „Schande über die Familie gebracht, und darum wurde von ihm nur im Flüsterton gesprochen. Außenstehende durften nicht darum wissen. [...] Jude sein war also ein Geheimnis und Nicht mehr Jude sein war erst recht ein Geheimnis.“

Manus Katzenstein starb 1919 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt beerdigt. Wie Lina Katzenstein in der Folgezeit ihr Leben als Witwe gestaltete, ist nicht bekannt. Nach dem Verkauf von Haus und Grundstück in der Großen Johannisstraße durch den Sohn Leopold kam Lina im Alter von 80 Jahren im Jüdischen Altersheim in der Gröpelinger Heerstraße unter, von wo aus sie am 23.7.1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Was dort mit ihr geschah, ist nicht überliefert. Ihr Tod wurde mit Datum 20.8.1942 angegeben.

Den 1957 von Max Plaut renovierten Grabstein der Katzensteins auf dem jüdischen Friedhof in Hastedt ziert eine vergoldete Inschrift. Sie enthält ein hebräisches Zitat (1. Moses 3, 19) – „Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen, bis du kehrst zu dem Erdboden, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zu Staube zurück kehrst du.“ (Nur der Anfang des Zitats ist auf dem Grabstein auf deutsch wiedergegeben.) Auf der Rückseite des Grabsteins heißt es: „Manus Katzenstein – geb. 29. Mai 1859 – gest. 11. November 1919 – Zum Gedächtnis an – Lina Katzenstein – geb. Aschenberg – geb. 5. Februar 1859 – deportiert 23. Juli 1942 – nach Theresienstadt.“


Verfasser:
Dr. Johann-Günther König (2011)

Informationsquellen:
Jürgen Dierking/Johann-Günther König (Hrsg.), Josef Kastein [Julius Katzenstein], Was es heißt, Jude zu sein. Eine Kindheit in Bremen, Bremen 2004

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Theresienstadt