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Ernst Feldheim, *1887

„SCHUTZHAFT“1938 SACHSENHAUSEN, FLUCHT 1939 BELGIEN, INTERNIERT MECHELEN, DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN AUSCHWITZ


Faulenstraße 98/100
Bremen-Mitte

Verlegedatum: 03.03.2014


Faulenstraße 98/100 - Weitere Stolpersteine:


Ernst Feldheim

geb. 27.1.1887 Lünen (Westf.)

Ernst Feldheim war der Sohn von Uri Philipp Feldheim (geb. 1856 in Westhofen) und Minna Levi (geb. 1860 in Brechten). Die Anzahl der gemeinsamen Kinder ist nicht bekannt. Die Familie war jüdischen Glaubens. Er selbst heiratete am 14.6.1911 in Derne Selma Rosenbaum (geb. 1883 in Lünen). Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Walter (geb. 18.2.1912 in Dortmund) und Marianne (geb. 29.4.13 in Lüdinghausen). In zweiter Ehe war er mit der Kriegerwitwe Bertha Ahron, geb. Altgenug (geb. 22.8.1889 in Hamburg) seit dem 5.4.1939 verheiratet. Er war Teilnehmer im Ersten Weltkrieg und hatte das Frontkämpferkreuz erhalten.

Selma Feldheim erlitt 1937 einen Schlaganfall und wurde am 1.2.1937 in die Bremer Nervenklinik eingeliefert. Am 21.9.1940 wurde sie mit vier weiteren jüdischen Patientinnen in die als Sammelanstalt fungierende Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf "verlegt"; am 27.9.1940 wurden sie in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel transportiert, wo sie sehr wahrscheinlich noch am selben Tag durch Gas ermordet wurden. Die Ehe war auf Betreiben von Ernst Feldheim aufgrund der unheilbaren Krankheit seiner Frau am 24.12.1938 geschieden worden.

Ernst Feldheim war Rossschlachter, Fleischwaren- und Viehhändler. Er kam am 1.11.1928 aus Gelsenkirchen nach Verden, um in der Ritterstraße 12 die Rossschlachterei Anton Walter zu übernehmen. Im März 1930 gab er den Betrieb aber wieder auf. Da er selbst verschuldet war, beantragte er für seinen noch nicht volljährigen Sohn Walter eine "Genehmigung zum selbständigen Betrieb eines Erwerbsgeschäftes". Der Großvater Uri war bereit, für seinen Enkelsohn ein "nennenswertes" Darlehen zur Verfügung zu stellen.

Im September 1932 verließ Ernst Feldheim Verden und zog nach Bremen, zunächst in den Gröpelinger Deich 27a. Sein Aufenthalt in Bremen und der der Familie ist mit zahlreichen Wohnungswechseln verbunden; möglicherweise aufgrund seiner prekären Verhältnisse. Die Verweildauer betrug oft nur wenige Wochen oder Monate. Zuletzt wohnte er bei der Kriegerwitwe Ahron, seiner zweiten Ehefrau, in der Faulenstraße 98/100.

Nach seinem Umzug nach Bremen war er zeitweise ohne Arbeit und lebte von der Fürsorge. Sein Wandergewerbeschein war ihm 1931 entzogen worden. 1933 war er vom Amtsgericht Bremen zu drei Wochen Gefängnishaft verurteilt worden. Drei weitere Verfahren wegen Betruges wurden eingestellt. Es gab weitere Verfahren, in denen Feldheim u.a. vorgeworfen wurde, Genehmigungs- und Handelsbestimmungen nicht beachtet zu haben. Da er selbst keine Gewerbeerlaubnis mehr hatte, arbeitete er als Viehaufkäufer für den Erbhofbauern Thies in Tüchten oder den Schlachter Krüger in Hemelingen auf Provisionsbasis. Er vermittelte u.a. auch Fleisch- und Wurstwaren an das Kaufhaus Bamberger.

Ein Schweinetransport von 38 Tieren nach Dortmund führte zu einer Anzeige. Am 17.9.1935 kam er in Verden in Untersuchungshaft. Er war mit drei weiteren Personen angeklagt worden, die Verordnung zur Regelung des Verkehrs mit Schlachtvieh übertreten zu haben. Ihnen wurde zur Last gelegt, vom Schlachtviehverwertungsverband festgesetzte Höchstpreise überschritten zu haben. Die Angeklagten sollen den Erzeugern beim Einkauf von Schweinen einen höheren Preis gewährt haben. Das Urteil des Landgerichts Verden vom 25.1.1936 spricht von "einer schweren Wirtschaftsschädigung des deutschen Volkes". Feldheim wurde zu fünf Monaten Gefängnishaft verurteilt. Am 17.3.1937 kam es zu einer Revisionsverhandlung, in der Feldheim freigesprochen wurde. Eine Entschädigung für die abgesessene Untersuchungshaft wurde ihm aber verwehrt, da das Verfahren "weder seine Unschuld ergeben, noch dargetan hat, daß gegen ihn ein begründeter Verdacht nicht vorliegt."

Vom 17.9.1935 bis zum 20.2.1936 befand Feldheim sich in Haft. Sein Sohn Walter berichtete später, dass sein Vater während der Untersuchungshaft in Bremen vom Gestapobeamten Parchmann einer folterähnlichen Wärmebehandlung zur Erpressung eines Geständnisses unterzogen wurde. Nachdem der Haftbefehl am 3.1.36 aufgehoben wurde, ordnete die Gestapo Verden weitere "Schutzhaft" an.

Seine Vorstrafen führten dazu, dass ihn die Gestapo Bremen im Zuge der Aktion "Arbeitsscheu Reich" am 13.6.1938 erneut festnahm und am 17.6.1938 in das KZ Sachsenhausen einwies. Am 16.1.1939 beantragte Bertha Ahron, ihn aus dem KZ wegen ihrer beabsichtigten Heirat zu beurlauben. Eine Haftunterbrechung zu diesem Zeitpunkt ist nicht bekannt. Er wurde aber am 21.1.39 aus dem KZ "beurlaubt zwecks Betreibung seiner Auswanderung". Hierfür erhielt er eine Frist bis zum 1.7. des Jahres. Auf Betreiben der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden war ihm am 6.9.38 bereits ein bereinigtes Führungszeugnis zwecks Auswanderung ausgestellt worden.

Zurück in Bremen, heiratete er am 5.4.1939 seine Wohnungsgeberin Bertha Ahron. Ihre Eheschließung begründete sie später damit, dass sie nicht allein in ein fremdes Land gehen und einen Ernährer haben wollte. Durch die Heirat erhielt sie eine Abfindung aus ihrer Kriegswitwenrente (für drei Jahre), die sie für die Auswanderung verwenden wollte. Aus ihrer ersten Ehe hatte sie drei Kinder: Paula (geb. 1913), Kurt (geb. 1914) und Josef (geb.1917); ferner hatte sie die nichtehelich geborene Ingeborg (geb. 1928). Die Familie beschloss nach Liberia oder Shanghai auszuwandern. Am 25.6.1939 flüchteten sie (Ernst und Bertha Feldheim, Kurt Ahron und Ingeborg Altgenug) nach Belgien. Sie lebten anfangs in Antwerpen, da Tochter Paula bereits am 14.9.1938 dorthin emigriert war. Eine Weiterreise scheiterte aus nicht bekannten Gründen oder wurde aufgegeben. Ernst Feldheim konnte in der Emigration bis 1940 Arbeit finden, die zu einem regelmäßigen Verdienst führte.

Am 10.5.1940 wurde Belgien von der Wehrmacht besetzt. Zahlreiche jüdische Flüchtlinge wurden von der belgischen Verwaltung festgenommen und nach Frankreich deportiert. Dort wurden sie von den französischen Behörden übernommen und in das Lager Saint-Cyprien in der Nähe von Perpignan interniert. So auch Ernst Feldheim und sein Stiefsohn Kurt Ahron. Zu einem unbekannten Zeitpunkt flüchtete Feldheim aus dem Lager und kam Anfang Januar 1942 nach Brüssel zurück, wo seine Frau mit Tochter Ingeborg inzwischen wohnten. Er war offiziell im Judenregister ab dem 13.1.1942 in Brüssel registriert. Ab Juni 1942 musste in Belgien der Judenstern getragen werden. Im November 1942 wurde Ernst Feldheim, vermutlich im Zuge einer Razzia der Sipo-SD, erneut verhaftet und in das Sammellager Mechelen eingewiesen. Mit dem Transport Nr. 18 am 15.1.1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Seine Frau Bertha lebte mit Töchtern Paula und Ingeborg ab 1941 in Brüssel. Als Paula 1942 die Aufforderung erhielt, sich zum "Arbeitseinsatz" im Lager Mechelen zu melden, tauchte sie unter. 1943 wechselte sie ihr Versteck und verbarg sich auf dem Dachboden in dem Haus, in dem ihre Mutter wohnte. Offenbar durch Verrat wurden sie und ihre Mutter am 12.3.1944 verhaftet und bis zu ihrer Befreiung am 3.9.1944 im Lager Mechelen interniert. Bertha Feldheim blieb in Belgien und starb 1963. Seine Stieftochter Ingeborg, in den belgischen Meldeunterlagen als römisch-katholisch geführt, wurde in einem Kloster vor den Zugriffen der Sicherheitspolizei geschützt.

Sein Sohn Walter war am 15.3.1939 nach Schweden geflüchtet, die Tochter Marianne hatte einen Nichtjuden geheiratet und musste an ihrem Wohnort in der Nähe Bremens längere Zeit versteckt, zeitweise in einem Erdbunker, leben. Josef Ahron emigrierte 1937 nach Palästina. Kurt Ahron wurde später in Südfrankreich verhaftet und am 26.8.1942 aus dem Sammellager Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2014)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E4106, 4,54-E10595, 4,54-E10593, 4,54-Rü6262
Staatsarchiv Bremen, Einwohnermeldekartei
Auskunft und Dokumente Archiv Kazerne Dossin
Urteil Landgericht Verden 2 K.Ms.40/35 v. 25.1.1936
Bundesarchiv, Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Marcel Bervoets, La liste de Saint-Cyprien, Brüssel 2006

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Aktion "Arbeitsscheu Reich"
Glossarbeitrag Malines / Mechelen
Glossarbeitrag Auschwitz