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Rahel Seligmann, geb. Magnus, *1878

Unfreiwillig verzogen 1935 Berlin, deportiert 1943, Auschwitz
ermordert


Brunnenstraße 55
Bremen-Östliche Vorstadt

Verlegedatum: 03.12.2015

Rahel Seligmann

geb.20.4.1878

Rahel Seligmann wurde in Linden bei Hannover als Tochter von Hermann und Josephine Magnus geboren. In Hannover heiratete sie mit 20 Jahren am 31.1.1899 den sechzehn Jahre älteren Salomon Seligmann. Da ihr Ehemann aus Emden stammte, zog sie mit ihm dorthin. Von Beruf war er Viehhändler und Schlachter.

In Emden wurden ihre drei Kinder geboren; Rosa noch im Jahre 1899, Ernst 1907 und Werner 1909. Die Ehe wurde 1913 in Aurich geschieden. Salomon Seligmann starb am 17.7. 1937 in Emden. Rahel Seligmann ging nach ihrer Scheidung nach Berlin, hielt sich 1920 auch kurzfristig in Hannover (Pfarrlandplatz 1) auf. Im Oktober 1932 kam Rahel Seligmann nach Bremen, wo bereits ihre Tochter Rosa und deren Ehemann Rudolph Seligmann wohnten. Letztere hatten 1926 in Bremen geheiratet. Ihre Tochter Rosa war damals aus Berlin nach Bremen gekommen. Rahel Seligmann wohnte zunächst bei ihrer Tochter und deren Mann in der Goethestraße 7 , zog nach einem knappen Jahr dort wieder aus und wechselte anschließend noch fünfmal ihre Bremer Wohnorte. Da sie als Pflegerin arbeitete, hatte der häufige Wohnungswechsel mögli- cherweise mit ihrem Beruf zu tun. Sie war gemeldet in der Kölner Straße, der Bremerhavener Straße, der Grenzstraße und der Großen Wallstraße. Zuletzt wohnte sie vom 10.4. bis zum 28.6.1935 in der Brunnenstraße 55. Nach dreieinhalb Jahren in Bremen zog sie wieder nach Berlin.

Rahel Seligmann zog nach ihrer Rückkehr in den Berliner Stadtteil Schöneberg: zunächst in die Innsbrucker Straße 37, dann ab 2.6.1936 in die Schnackenburgsraße 6 (bei Raabe). Aus der Deportationsliste Berlin-Auschwitz geht hervor, dass Rahel zuletzt in der Stralsunder Straße 68 im Berliner Stadtteil Wedding gewohnt hat (heute Bezirk Mitte, Ortsteil Gesundbrunnen). Die Einwohnermeldekartei weist als Beruf „Krankenpflegerin“ aus. Im Bundesarchiv wird erwähnt, dass sie auch in Schwedt gewohnt habe (die Einwohnerkartei der Stadt ist unter Kriegseinwirkungen verbrannt, sodass eine Überprüfung nicht möglich ist).

Die Söhne Ernst, von Beruf Matrose/Bootsmann, und Werner, ein (Ziegelei-)Arbeiter, waren mit ihren Familien nach Bremen gezogen, wo deren Schwester Rosa mit ihrem Mann Rudolph seit 1927 lebte. Rahel wird in Berlin mitbekommen haben, wie die Familien von Ernst und Rosa am 18.11.1941 von Bremen nach Minsk deportiert worden waren. Die Kinder von Ernst Seligmann (und Klara geb. Haas), Rahels Enkelkinder, waren noch ganz klein: Tochter Rachel war gut ein Jahr vor der Deportation, am 2.9. 1940, in Bremen geboren worden, und Sohn Joel war nicht einmal zwei Monate alt (geboren am 23.9.1941). Rahels Tochter Rosa und ihr Mann Salomon hatten keine Kinder.

Ihr zweiter Sohn Werner war mit einer Christin verheiratet (Elsa geb. Jürgens). 1940 schickten sie ihre Kinder nach Bremen-Neustadt. Die Eltern folgten 1941. Werners Familie wurde aufgrund seiner Mischehe mit Elsa vor der Deportation bewahrt. Aber Elsa starb am 8.9. 1942; damit war der Schutz durch die Mischehe nicht mehr gegeben: Werner wurde mit seiner Tochter Rahel Grete, 10 Jahre alt, und dem Sohn Werner, 8 Jahre alt, nach dem Tod der Ehefrau dann am 9.6.1943 durch die Gestapo Hamburg in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Vater Werner Seligmann kam mit Transport „Ek, nr. 1209“ am 28.9.1944 nach Auschwitz. Am 28.1.1945 wurde er zum Konzentrationslager Mittelbau überführt und mit der Häftlingsnummer 107572 registriert. Am 22.2.1945 wurde er in den dortigen Häftlingskrankenbau eingeliefert und ist dort am 23.2.1945 um 8.00 Uhr verstorben. Als Todesursache wurde „Kreislaufschwäche“ angegeben, was vermutlich eine Verschleierung der tatsächlichen Todesursache war.

Die Kinder waren bereits am 23. Oktober mit Transport „Et“ zum Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden. Von den 1714 Frauen, Männern und Kindern dieses Transports wurden 1517 ermordet, 197 überlebten. Lt. ITS Digital Archive Bad Arolsen war bei diesem Transport neben Grete und Werner Seligmann auch ihr älterer Bruder Johann (geb. 27.1.1931) dabei, dessen Schicksal im Erinnerungsbuch als „unbekannt“ angegeben wird. Und auf der Geburtsurkunde von Werner Seligmann jr. findet sich der Hinweis, er sei am 15.2.1993 in Emden verstorben (Standesamt Emden Nr. 83/1993), während es im Erinnerungsbuch und im Gedenkbuch des Bundesarchivs heißt, er sei in Auschwitz umgekommen. Der Widerspruch konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Völlig unbekannt ist das Schicksal einer weiteren Tochter, die als 1937 geboren auf der Heiratsurkunde von Werner und Elsa Seligmann erwähnt wird.

Zurück zu Mutter und Großmutter Rahel Seligmann: Sie wurde am 6.3.1943 mit dem „35. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert, wo sie am 7. März ankam. Sie war da bereits 65 Jahre alt. In diesem Zug befanden sich 665 Juden aus Berlin (183 Männer sowie 482 Frauen und Kinder), die vom „Verladebahnhof“, dem Güterbahnhof Moabit, losgeschickt worden waren. 447 Menschen, 30 Männer sowie 417 Frauen und Kinder, dar- unter vermutlich Rahel Seligmann, wurden sofort in den Gaskammern getötet. Der 35. „Osttransport“, der Rahel Seligmann in den Tod führte, war der letzte der„Fabrik-Aktion“ Anfang März 1943, bei der die noch verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter deportiert wurden. Binnen weniger Tage wurden ca. 7000 Menschen an ihren Zwangsarbeitsstätten abgeholt und in Sammellager eingewiesen, wo die Deportation vorbereitet und das Vermögen der Opfer eingezogen wurde. Rahel Seligmann wurde in das Lager der Göring-Kaserne (Fahrzeughalle) in Berlin-Reinickendorf geschickt. Ob sie auch zu denjenigen gehörte, die auf dem Weg zum „Verladebahnhof“ durch die Straßen Moabits getrieben wurde – vor den Augen der Bevölkerung -, wissen wir nicht.

Verfasser: Franz Dwertmann (2016

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E10299, 4,54-Ra2100, Einwohnermeldekarte, 4,13/1-R.1.f Nr. 206, 3-J.5.185, „auch dich geht es an“ AB- 9997-2a
Meiners, Werner: Die Geschichte der Juden in Wildeshausen, Oldenburg 1988
www.genealogy.net (Familiendatenbank)
Historische Einwohnermeldekartei Berlin (Bestand B Rep. 021)
Stadtarchiv Emden, Niedersächsisches Landesarchiv Aurich
Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Öffentliche Ordnung
ITS Digital Archiv Bad Arolsen
Jahr, Akim: Die Berliner Sammellager im Kontext der „Judendeportationen“ 1941-1945, in: Zeitschrift für Geschichtswis- senschaft, Band 61, Berlin 2013, S. 211-231

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Auschwitz
Glossarbeitrag Judenvertreibung Ostfriesland / Oldenburg