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Erna Silberberg, geb. Alexander, *1898

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Hastedter Heerstr. 233/235
Bremen-Hemelingen
ehemalige Straßenbezeichnung: Hastedter Heerstr. 313


Hastedter Heerstr. 233/235 - Weitere Stolpersteine:


Erna Silberberg

geb. 1.8.1898 in Bremen

Die Familie Alexander zählte zu den ältesten jüdischen Familien in Hastedt. Der Urgroßvater Hesekiel Jacob (1758 in Holland geboren) zog bereits 1785 nach Hastedt. Erna Alexanders Vater, Adolf Abraham Alexander (1868 - 1928), der bis 1894 in Hemelingen wohnte, eröffnete 1894 an der Hastedter Chaussee ein Geschäft für Manufakturwaren. Er war mit Helene Schragenheim (1866 - 1922) verheiratet. Sie hatten drei Kinder Erna, Erich und Heinz. Letzterer (geb.1911) verstarb bereits 1920 im Haus Reddersen, einem Heim für behinderte Kinder und Jugendliche in Bremen. Adolf und Helene Alexander waren sehr beliebt in Hastedt, sie machten sich insbesondere in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg um soziale Belange verdient. Nach dem Tod des Vaters 1928 übernahm Erich das Geschäft, das inzwischen auf Herrenwaren spezialisiert war.

Erna Alexander heiratete am 12.4.1938 Otto Silberberg, Viehhändler aus Twistringen. Über ihren Lebensweg ist bis zu diesem Zeitpunkt nichts mehr bekannt. Das Ehepaar wohnte im elterlichen Haus, Hastedter Heerstraße 313. Aus dem Erbe ihres Vaters besaß Erna zwei Grundstücke mit Mietshäusern. Das Ehepaar wurde (nach dem Krieg) von Zeugen als vermögend bezeichnet. Am 30.11.1938 wurde ihr Vermögen an den Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems übergeben. Es gibt jedoch keine Belege darüber, um welche Gegenstände oder Werte es sich gehandelt hat.

Auf dem Grundstück Hastedter Heerstraße 213, 213a stand ein Mehrfamilienhaus, in dem sich das Feinkostgeschäft Kaiser befand. Unter dem Druck der antijüdischen Repressalien verkaufte Erna Silberberg am 6.3.1939 dieses Grundstück. Die Erwerberin wollte mit dem Kauf das Geld aus der Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes anlegen. Im Rückerstattungsverfahren nach dem Krieg gab sie an, aus ihrer Opposition gegen die "Machenschaften der Nazis" nie einen Hehl gemacht zu haben. Gleichwohl hätte es sich ihrer Kenntnis entzogen, ob Herr Silberberg (in Vertretung für seine Frau) "nur unter dem Druck der Rassengesetzgebung des Naziregimes" das Grundstück veräußert habe. Das Haus wurde im Krieg durch Bombenschaden zerstört. Das Grundstück wurde an die Erben rückübertragen.

Zu ihrem Erbe zählten weiter die Grundstücke Hastedter Heerstraße 323, 325, 327, 329 im sog. "Gängeviertel" Hastedts. Die zurückliegenden Grundstücke waren mit einem schmalen Gang, durch den gerade ein Fuhrwerk passte, mit der Hastedter Heerstraße verbunden. Am Ende befanden sich oft kleine, einstöckige Tagelöhnerhäuser. Es gelang Erna Silberberg, diese Grundstücke erst am 26.4.1941 verkaufen zu müssen. Vermutlich in Anbetracht der Zwangslage war der Erlös mit 7.500 RM sehr gering. Der Verkauf wurde über einen Makler vermittelt. Auch dieser Verkauf wurde von Otto Silberberg durchgeführt. Ein Zeuge (ein anderer Makler) sagte später aus, dass Herr Silberberg ein rüstiger und selbstbewusster Mann gewesen sei, der gewusst habe, was er tat. In Verkennung der Zwangssituation meinte er weiter, dass die Eheleute Silberberg vermutlich Geld brauchten, sei es zum Lebensunterhalt, sei es für eine etwa beabsichtigte Auswanderung, sonst hätten sie die sich gut rentierenden Grundstücke nicht preisgegeben. Das Landgericht Bremen stellte 1952 fest, dass der Kaufbetrag am 3.12.41 auf ein Sperrkonto bei der Sparkasse überwiesen wurde. Das gesamte Guthaben wurde, ohne dass irgendein Betrag zugunsten der Veräußerin Verwendung gefunden hätte, von der Sparkasse Anfang 1942 weisungsgemäß an das Finanzamt Bremen-Ost abgeführt. Letzteres wäre auch nicht möglich gewesen, da das Ehepaar bereits am 18.11.1941 nach Minsk deportiert worden war. Das Grundstück wurde an die Erben rückübertragen.

Es ist zu vermuten, dass die Mieteinnahmen bis zur jeweiligen Veräußerung zum Lebensunterhalt des Ehepaares beigetragen haben. Vom ersten Verkauf hat Erna Silberberg nach Berechnungen des Landberichts Bremen (1953) nach Tilgung von Hypotheken und Abführung der Judenvermögensabgabe (25 %) 16.500 RM zur freien Verfügung gehabt. Ob auf einem Sperrkonto, wie seinerzeit vorgeschrieben, oder nach Aussagen durch Barübergabe, lässt sich nicht mehr verifizieren.

Das Ehepaar zog, nach der "Arisierung" des Hauses von Erich Alexander im Frühjahr 1939 am 1.3.1939 in die damalige Legion-Condor-Straße 60 (heute Parkstraße) um. Bis Oktober lebten sie hier wieder zusammen mit der Familie Alexander und Martha Schragenheim, der Schwester von Erichs und Ernas Mutter. Am 3.10.1939 mussten sie in das „Judenhaus“ Legion-Condor-Straße 1 (heute Parkstraße) umziehen.

Am 18.11.1941 wurde sie mit ihrem Ehemann nach Minsk deportiert. Auf diesem Transport befanden sich auch ihr Bruder Erich mit Familie und ihre Tante Minna mit Ehemann Harry Herzberg aus Verden. Alle erlagen in Minsk den Entbehrungen oder wurden ermordet.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2011)

Informationsquellen:
Anne E. Dünzelmann, Juden in Hastedt, Bremen 1995
Timm et.al., Hastedt, Band 4, Bremen 1990
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-Ra607, Ra608
Die MAUS, Gesellschaft für Familienforschung e. V. Bremen: Leichenbücher

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Minsk
Glossarbeitrag "Arisierung"

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