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Sophie Ginsberg, geb. Heimbach, *1880

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Parkstr. 5
Bremen-Schwachhausen


Parkstr. 5 - Weitere Stolpersteine:


Sophie Ginsberg

geb. 14.11.1880

Sophie Ginsberg wurde als fünftes Kind in eine kinderreiche Familie in Münster in Westfalen hineingeboren. Der Vater Isidor Heimbach, geb. 1851, der aus einer großen Viehhändlerfamilie in der kleinen Ortschaft Laer stammte, war in jungen Jahren ins nahegelegene Münster gezogen, wo er sich eine eigene berufliche Existenz als Metzger und Viehhändler aufbaute und wohlhabend wurde. Aus seiner Ehe mit Julie Löwenstein, geb.1848, gingen 13 Kinder hervor, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten. Der jüngste Sohn fiel als Kriegsfreiwilliger gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges.

Den Eltern soll die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder sehr am Herzen gelegen haben, auch die der Töchter, was in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich war. Aus den vorliegenden Dokumenten lässt sich über Sophie Ginsbergs Bildungsgang nur in Erfahrung bringen, dass sie die Schule mit 15 Jahren verließ und danach für mehrere Monate Lehrmädchen in Osnabrück war.

Mit 23 Jahren heiratete Sophie Heimbach am 16.6.1904 in ihrer Heimatstadt Münster den fünf Jahre älteren Schlachter und Viehhändler Hermann Ginsberg und zog zu ihm in seine Heimatgemeinde Varrel bei Sulingen. Hermann Ginsberg stammte ebenfalls aus einer westfälischen Viehhändlerfamilie, die in erster Generation im Bremer Umland lebte. In Varrel kamen die drei Kinder des Paares zur Welt: Die Tochter Rosa 1905 sowie die beiden Söhne Walter und Ludwig 1906 und 1909.

1913 wurden Geschäfts- und Wohnsitz ins nahegelegene Diepholz verlegt. Man zog in die Grafenstraße, in eine Villengegend mit guter Anbindung an den Bahnhof, was für den Viehhandel wichtig war. 1920 starb Hermann Ginsberg mit nur 42 Jahren. Aus einer anlässlich seiner Beerdigung in der Diepholzer Kreiszeitung vom 29.6.1920 erschienenen Lokalnotiz lässt sich schließen, dass er in der kleinen Stadt ein beliebter und angese- hener Mitbürger war, dem auch Männergesangsverein und Kriegerverein im Trauerzug die letzte Ehre erwiesen. Nun musste die junge Witwe ihre drei Kinder, die beim Tod des Vaters noch minderjährig waren, allein großziehen. Wirtschaftlich war die Familie zu- nächst noch abgesichert, da der beruflich erfolgreiche Hermann Ginsberg seiner Witwe ein gewisses Vermögen hinterlassen hatte. Zudem konnte das Geschäft weitergeführt werden: Die halbwüchsigen Söhne unterstützten ihre Mutter dabei; möglicherweise stand Sophie Ginsberg auch ihr Bruder Alfred Heimbach zur Seite, der ebenfalls als Viehhändler in Diepholz ansässig war und ab 1926 bis zu seinem frühen Tod 1930 unter ihrer Adresse gemeldet war.

1928 zogen auch ihre Schwester Henriette und deren Mann, der mit Sophie Ginsbergs verstorbenem Mann namensgleiche Hermann Ginsberg, ebenfalls Metzger und Viehhändler, zu ihr in die Grafenstraße 23. Ab 1930 schließlich führte ihr älterer Sohn Walter nach abgeschlossener Metzgerlehre das Geschäft fort, sein jüngerer Bruder Ludwig, obwohl ausgebildeter Dekorateur, arbeitete in dem Familienbetrieb mit.

Unter dem Druck der Gestapo verließ Sophie Ginsberg Diepholz im Frühjahr 1936; der Viehhandel war durch die massiven nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen ohnehin bereits völlig eingebrochen. Sie mietete sich mit ihrer Schwägerin Ida und den beiden Söhnen in Bremen in eine geräumige Wohnung in der Parkstraße 5 ein. Die Tochter Rosa war schon seit 1932 mit dem Viehhändler Samson Meyberg verheiratet und lebte mit ihm und ihren beiden Söhnen im Emsland.

Wie viele Juden aus dem ländlichen Raum hatte es Sophie Ginsberg angesichts zunehmender Diskriminierung in die nächstgelegene Großstadt gezogen, wo die Anonymität der Stadt besseren Schutz vor Überwachung und Denunziation zu bieten schien. Auch dürfte ihr Bremen als Stadt nicht fremd gewesen sein, hier hatte die Familie ihres Bruders Louis Heimbach von 1918 an für mehr als ein Jahrzehnt gewohnt, auch ihr jüngerer Bruder Alfred und seine Frau waren zeitweise in Bremen ansässig gewesen.

Ihr Sohn Walter Ginsberg hatte mit dem Umzug nach Bremen anfangs noch die Hoffnung verbunden, seinen Viehhandel hier unter günstigeren Bedingungen fortsetzen zu können. Das Gegenteil aber war der Fall: Der jüdische Viehhandel wurde durch die nationalsozialistische Gesetzgebung immer weiter eingeschränkt und 1938 schließlich ganz verboten. Walter und auch sein Bruder Ludwig mussten ihren Lebensunterhalt als Vertreter für Fleischextrakt verdienen. Sophie Ginsberg, deren Ersparnisse zur Neige gingen, wurde von der finanziellen Unterstützung ihrer Söhne abhängig.

1937 heiratete Walter Ginsberg Netti Rosenblum und zog zu ihr in die Neustadt, wo die gemeinsame Tochter Toni (Toni Auguste) im Frühjahr 1938 zur Welt kam. Nach seiner Verhaftung in der Reichspogromnacht 1938 und anschließender KZ-Haft wurde Walter Ginsberg von der Gestapo unter Druck gesetzt, Deutschland so bald wie möglich zu verlassen. In buchstäblich letzter Minute gelang ihm am 1.9.1939 noch die Flucht nach England, er schaffte es jedoch nicht mehr, Frau und Kind nachzuholen.

Ab 1937 wohnte Sophie Ginsbergs Tochter Rosa vor ihrer Emigration noch für ein Jahr mit ihrer Familie bei ihrer Mutter, nach deren Auszug im Frühjahr 1938 bezogen ihre Schwester Henriette und ihr Schwager ein Zimmer in der Parkstraße 5 und lebten dort bis 1941. Der ältere Bruder ihres verstorbenen Mannes und seine Frau, die aus dem Rheinland nach Bremen gekommen waren, wo ihre Töchter mit ihren Familien inzwischen lebten, waren die letzten, denen Sophie Ginsberg 1939 in der Parkstraße 5 noch vorübergehend Zuflucht gewähren konnte: Am 1.9.1940 wurde sie dann selbst aus dieser Wohnung vertrieben. Sie kam zunächst für etwa ein Jahr in der Familie ihrer Schwiegertochter in der Hermannstraße 101 unter, bevor sie mit dieser in das„Judenhaus“ Wilhelmshavener Straße 3 (heute Hauffstraße 2) eingewiesen wurde. Hier lebte schon ihre Schwägerin Ida Ginsberg.

Mit dieser, ihrer Schwiegertochter Netti und der dreijährigen Enkelin Toni, ihrer Schwes-
ter Henriette und ihrem Schwager Hermann Ginsberg sowie den Nichten ihres verstorbenen Mannes und deren Familien wurde sie am 18.11.1941 über Hamburg ins Ghetto Minsk deportiert. Sie kam in den Massenmordaktionen, die ab Ende Juli 1942 dort einsetzten, ums Leben. Von den mit ihr deportierten Familienangehörigen überlebte niemand.

Sophie Ginsbergs Kinder haben alle drei überlebt: Rosa Meyberg und Ludwig Ginsberg konnten nach Kolumbien emigrieren, wo der Familie Meyberg noch ein drittes Kind, eine Tochter, geboren wurde. Ludwig blieb in Kolumbien und heiratete dort eine Kolumbianerin, mit der er unter schwierigen Lebensumständen vier Kinder großzog.

Walter Ginsberg wurde in England mit Beginn des Westfeldzuges als „feindlicher Aus- länder“ zunächst auf der Isle of Man und dann in Australien interniert, wo er bis an sein Lebensende blieb, unterbrochen nur durch einen zwei Jahre währenden Versuch in den 1970er Jahren, in Israel Fuß zu fassen. 1951 heiratete er in Australien Charlotte (Scheindel) Weiss, eine verwitwete Schwester seiner verstorbenen Frau, deren Mann im KZ Buchenwald umgekommen war. Nach deren frühem Tod ging er noch eine weitere Ehe ein.

Von Sophie Ginsbergs vielen Geschwistern, den Münsteraner Heimbachs, haben sich von den neun, die die NS-Diktatur noch erlebten, nur vier retten können, die übrigen wurden in Auschwitz, Minsk und Riga ermordet. Von den Überlebenden konnten zwei in Belgien untertauchen, die anderen in die USA emigrieren. Einige Familienangehörige verdanken ihr Überleben dem in Bremen aufgewachsenen Otto Heimbach, dem Sohn von Sophie Heimbachs ältestem Bruders Louis: Dieser war schon 1931 nach Belgien ausgewandert, wo er ein wirtschaftlich sehr erfolgreicher Textilkaufmann wurde. Vom Ausland aus sah er die drohende Gefahr für seine Angehörigen schon früh sehr klar und scheute weder Mühe noch finanzielle Mittel, um möglichst viele Verwandte aus Deutschland herauszuholen bzw. ihnen nach Kriegsende die Einreise in die USA zu ermöglichen. Dorthin hatte er sich 1941 mit gefälschten Papieren retten können und sich mit seiner Familie in Middletown im Staat New York niedergelassen. Auch Sophie Ginsbergs Tochter zog mit ihrer Familie 1951 von Kolumbien nach Middletown, wo bereits etliche ihrer Verwandten mütterlicherseits eine neue Heimat gefunden hatten oder in der Zukunft noch finden sollten.

Verfasserin:
Christine Nitsche-Gleim (2017)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E10970, 4, 54-E10054, 4,54-E10053, 4,54-Rü5371, 4,54-E11275, 4,54-E 10970, 4,54-E12003, 4,54-E- 10580, 4,54-E9867, Einwohnermeldekartei
Stadt-Archiv Diepholz Des.62, Ab Meldebücher 1874–1931
Aschoff, Diethard/Möllenhoff, Gisela: Fünf Generationen Juden in Laer, Münster 2007
Liebezeit, Falk/Major, Herbert: Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Diepholz, Diepholz 1999

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk