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Martha Schragenheim, *1874

deportiert 1942 nach Theresienstadt
tot 10.5.1944


Parkstr. 60
Bremen-Schwachhausen


Parkstr. 60 - Weitere Stolpersteine:


Martha Schragenheim

geb. 09.12.1874 in Vilsen (heute: Bruchhausen-Vilsen)

Martha Schragenheim war die Tochter des in Rethem (Aller) geborenen Kaufmanns Jacob Schragenheim und seiner in Sulingen geborenen Ehefrau Sienchen, geb. Jacobsohn. Marthas Vater hatte 1862 in Vilsen die „Conzession zum Handel mit Manufacturwaren“ erhalten; im Jahr darauf hatten die Eltern geheiratet.

Martha Schragenheim hatte zwei Geschwister: den Bruder Julius (1864–1891), der Kaufmann wurde, früh starb und auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Harburg begraben ist, und die 1866 geborene Schwester Helene.

Der für das Jahr 1873 belegte Umsatz des Geschäfts (9.000 Meter Leinen / 4500 Goldmark) deutet darauf hin, dass die Familie wohlhabend war. Wie sich aus dem Bericht ergibt, der am 4.5.1886 nach dem Tod des Vaters im Hoyaer Wochenblatt erschien, war Jacob Schragenheim aber auch in das gesellschaftliche Leben seiner Umgebung integriert und als Mensch hoch geachtet:

„(Ein langer Trauerzug) bewegte sich gestern Nachmittag ... nach dem zwischen Bruchhausen und Hoya belegenen israelitischen Friedhofe. Man geleitete die irdischen Ueberreste des Kaufmanns J. Schragenheim aus Vilsen zu letzten Ruhe. Unter den etwa 200 Personen, welche dem Sarge folgten, befanden sich sämmtliche Mitglieder unseres Gesangvereins, denen die umflorte Vereinsfahne vorangetragen wurde. Herr Schragenheim war das älteste Mitglied und Mitbegründer des Sängerbundes. Am Grabe sang der Verein dem entschlafenen Sangesbruder ein ergreifendes Abschiedslied. Der Verstorbene genoß im ganzen Kirchspiel den Ruf eines ehrenhaften Mannes und opferwilligen guten Bürgers, der auch im Stillen viel Gutes that. Von ihm konnte man sagen: Er hatte keinen Feind! Friede seiner Asche!“

Als 1896 auch die Mutter starb, wurde das Haus der Familie verkauft. Martha Schragenheim zog im November 1897 nach Bremen in die Hastedter Chaussee (im 1. Weltkrieg umbenannt in Hastedter Heerstraße) 313. Dort lebte sie im Haushalt ihrer Schwester Helene, die Adolf Alexander geheiratet hatte, der ein Geschäft für Manufakturwaren betrieb; er entstammte einer Familie, die bereits Mitte des 18. Jahrhunderts in die Bremer Region zugewandert war. Wie man in Berichten über die Hastedter Juden lesen kann, war Martha Schragenheim „leicht verkrüppelt“ und „wegen ihrer hohen Schnürstiefel in ganz Hastedt bekannt“. Sie hat wohl ihre Schwester im Haushalt und beim Aufziehen der Kinder (Tochter Erna geb. 1898, Sohn Erich geb. 1904) unterstützt – ein damals nicht seltenes Schicksal unverheirateter Frauen.

Nach dem Tod ihrer Schwester (1922) und ihres Schwagers (1928) blieb sie in der Hastedter Heerstr. 313 bei ihrem Neffen Erich Alexander wohnen. Als das Haus nach dem Novemberpogrom „arisiert“ wurde, zog Martha Schragenheim mit ihrem Neffen sowie ihrer Nichte Erna und deren Ehemann Otto Silberberg in die Parkstr. (damals. „Legion-Condor-Str.“) 60, wo sie bis zu ihrer Deportation blieb. Im November 1941 musste sie erleben, dass ihre Nichte, ihr Neffe und deren Angehörige, die inzwischen im „Judenhaus“ Parkstr. 1 lebten, nach Minsk deportiert wurden.

Am 23.07.1942 wurde Martha Schragenheim von Bremen in die (bei Hannover gelegene) Sammelstelle Ahlem und am folgenden Tag von dort mit dem Transport VIII/1 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort erlag sie am 10.5.1944 den Entbehrungen. Sie wurde 69 Jahre alt.


Verfasser:
Michael Cochu (2013)

Informationsquellen:
Personenstandsurkunden des Standesamts in Vilsen
Staatsarchiv Bremen, Einwohnermeldekarte 4,82/1 - 1/2024
Herbert Obenaus u. a. (Hrsg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. I, Göttingen 2005, (S. 359 ff.)
Geflüchtet, vertrieben, deportiert und ermordet – Jüdische Schicksale in der NS-Zeit
(s. http://www.juedische-geschichte-diepholz.de/)
Heinrich Bomhoff, Jüdisches Leben in Vilsen, Moor und Bruchhausen (Materialsammlung)
Angelika Timm/Anne Dünzelmann, Hastedt. Ein Dorf wird zum Stadtteil, Bremen 1990 (S. 258)
Anne E. Dünzelmann, Juden in Hastedt, Bremen 1995 (S. 132 ff. u. 174)
Günther Rohdenburg, Deportationen nach Theresienstadt zwischen 1942 und 1945, in: ders. (Bearb.), „Judendeportationen“ von Bremerinnen und Bremern während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (S. 131 f.)
http://www.holocaust.cz/de/victims/PERSON.ITI.627069

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrg "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk
Glossarbeitrag Theresienstadt