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Irmgard Rosenblum, *1928

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Thedinghauser Str. 46
Bremen-Neustadt


Thedinghauser Str. 46 - Weitere Stolpersteine:


Irmgard Rosenblum

Irmgard Rosenblumgeb. 25.1.1928 in Bremen

Irmgard Rosenblum wurde nur 14 Jahre alt. Nachdem ihr Vater Heinrich Rosenblum in der Pogromnacht am 10.11.1938 ermordet worden war, wurde sie am 17.11.1941 mit ihrer Mutter Ernestine Rosenblum und ihrer jüngeren Schwester Toni nach Minsk deportiert; dort wurden alle drei ermordet.

Heinrich (Chaim) Rosenblum war der Sohn des mit seiner Familie 1902 aus Galizien nach Bremen gezogenen Buchbinders Bernhard Rosenblum und seiner Ehefrau Temer, geb. Schudmak. Die kinderreiche Familie wohnte im Haus Schnoor 3 und erhielt schon 1912 das Bremische Bürgerrecht. Heinrich Rosenblum arbeitete nach Abschluss der Schule als Glasergehilfe. Im Ersten Weltkrieg wurde er Sanitätsunteroffizier. Ihm wurden das Eiserne Kreuz und das Bremische Hanseatenkreuz verliehen. Nach dem Krieg war er Mitglied im „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten".

1920 heiratete er die 1896 in Bremen geborene Ernestine Felczer. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Senta (geb. 1921), Bernhard (geb.1922), Irmgard (geb. 1928) und Toni (geb. 1937). Heinrich Rosenblum war ein angesehener Mann. 1924 kaufte er ein Wohnhaus mit großem Lagerplatz in der Thedinghauser Str. 46, wo er einen Handel mit Papier, Lumpen, Knochen und unedlen Metallen betrieb und eine Metallgroßhandlung einrichtete.

Heinrich Rosenblum wurde in der Reichspogromnacht am 10.11.1938 um 4 Uhr morgens in seinem Haus von zwei SA-Männern, erschossen. Die Nachbarin Anneliese Leinemann berichtete: „Sie verlangten Heinrich Rosenblums Ausweis, da sie ihn selbst nicht kannten... Während der ahnungslose Mann seine Papiere in die Jacke zurücksteckte, schoss ihn sein Mörder in den Hinterkopf." Täter waren die Brüder Wilhelm und Ernst Behring, beide seit 1930 in der SA aktiv und 1936 zum Scharführer befördert.

Ernestine Rosenblum flüchtete am nächsten Morgen in das Konsulat von Uruguay – aber weder hier noch in der Nachbarschaft half man ihr. Heinrich Rosenblum musste „von der Frau des Rabbiners und wenigen Frauen und Knaben“ begraben werden.

Bernhard Rosenblum, von Beruf Metallmechaniker, wurde am 10.11.1938 in das KZ Sachsenhausen deportiert und dort ca. 30 Tage gefangen gehalten. Durch die brutale Behandlung erlitt er schwere körperliche Schäden. Ernestine Rosenblum war nach der Ermordung ihres Mannes psychisch nicht in der Lage auszuwandern. Gleichwohl besorgte sie Auswanderungspapiere für ihren Sohn Bernhard und erwirkte so seine vorzeitige Entlassung aus dem KZ. Die Tochter Senta wanderte am 23.11.1938 aus, der Sohn Bernhard Ende Dezember 1938, beide in die Vereinigten Staaten.

Am 8. März 1939 erfolgte im Zuge der „Arisierung“ der Zwangsverkauf des Hauses (ohne den Lagerplatz) zum Preis von 12.000 Reichsmark.

Ernestine, Irmgard und Toni Rosenblum wurden am 18.11.1942 nach Minsk deportiert; dort wurden sie ermordet.

Die Mörder Heinrich Rosenblums wurden nach Kriegsende angeklagt. Am 2.5.1947 wurde Wilhelm Behring wegen Totschlags zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, Ernst Behring erhielt wegen Beihilfe sechs Jahre Zuchthaus. Am 18.9.1947 wurde das Urteil aufgehoben; im Revisionsverfahren wurde Wilhelm zu zwölf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Ernst Behring erhielt acht Jahre Zuchthaus und sechs Jahre Ehrverlust. Ein Gnadengesuch für Ernst Behring wurde 1949 zunächst abgelehnt, aber schon am 5.3.1951 wurde die sofortige Freilassung mit fünfjähriger Bewährungsfrist verfügt. Ihnen wurde angerechnet, dass sie einen "guten Leumund" und "nur durch Befehl" gehandelt hätten. Wilhelm Behring wurde am 29.12.1951 nach nur vierjähriger Haft aus dem Zuchthaus entlassen, die restliche Strafe wurde auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt.
Verfasserin: Edith Laudowicz

Informationsquellen:
Rolf Rübsam, Sie lebten unter uns, Bremen 1988, S.86-90
Staatsarchiv Bremen, Akten Ra-377; 4,54-E1006; 4,54-E11882; 4,54-E3954

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag Minsk
Glossarbeitrag Entschädigung / Rückerstattung