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Erwin Schweitzer, *1904

deportiert 1943 Theresienstadt
1944 Auschwitz ermordet


Zeppelinstraße 36a
Bremen-Hemelingen

Verlegedatum: 07.06.2012


Zeppelinstraße 36a - Weitere Stolpersteine:


Erwin Schweitzer

Erwin Schweitzer* 10.8.1904 Bremen-Vegesack

Erwin Schweitzer war der Sohn von Walter Schweitzer (geb. 1870 in Hamm, gest. 22.12.1935 in Bremen) und seiner Ehefrau Cäcilie, geb. Schweitzer (geb. 1873 in Berlin, gest. 16.6.1943 in Berlin). Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Helmuth (geb. 1901) und Erwin. Sein letzter Wohnsitz war seit Mai 1928 das elterliche Haus in Bremen, Zeppelinstraße Nr. 36a. Seine Eltern waren evangelischen Glaubens jüdischer Herkunft. Die Kinder wurden im Alter von 13 Jahren getauft.

Nach seiner Schulausbildung begann Erwin Schweitzer am 1.7.1920 eine Lehre als Schiffsmakler, die er am 31.12.1922 abschloss. Anschließend war er als Korrespondent mit kurzer Unterbrechung zehn Jahre bei den Bremer Firmen Roehlig & Co beschäftigt. Vom 1.3.1934 bis zum 31.12.1934 war er in Kalkutta bei der Firma J. Mayr als Verkaufsleiter tätig. Im Februar 1935 kehrte er wieder nach Bremen zurück und war bis Mitte Mai 1943 bei der Speditionsfirma Adolf Gruel beschäftigt.

Erwin Schweitzer war nun mit dem Ausbau der Übersee-Abteilung beauftragt, deren Leitung ihm gleichzeitig übertragen wurde. In den Jahren 1938 und 1939 wurde er nach England gesandt, um dort Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Nach Beginn des Krieges mussten diese Handelsbeziehungen aufgegeben werden. Er hatte das Geschäft nun auf den Gütertransport über die Ostseehäfen auszurichten. Der Firmeninhaber attestierte ihm hierbei ein "ausgezeichnetes Dispositionstalent". Er beurteilte ihn u.a. weiter als fleißig und zuverlässig. Ihm wurde großes Vertrauen in der Firma entgegengebracht.

Für alle unerwartet kündigte Erwin im Mai 1943 seine Stellung. Der Firmeninhaber Gruel schrieb im Zeugnis, das er nach seiner Kündigung am 18.5.1943 verfasste: "Herr Schweitzer legt seinen Posten bei uns nieder, weil er nach seiner Erklärung durch unerwartete völlig private Gründe dazu genötigt wird."

Anlässlich einer Nachfrage in der Firma nach dem Kriege teilte diese der Entschädigungsbehörde mit, dass Erwin Schweitzer über die Gründe seiner Kündigung nie etwas habe verlauten lassen, er sei als ein sehr stiller, insichgekehrter Typ, in Erinnerung geblieben. Das erklärt zumindest, dass sich sein Schicksal in der Firma erst aus einer öffentlichen Bekanntmachung in der Bremer Zeitung vom 23.7.1943 über den Einzug des Vermögens der Familie Schweitzer nachvollziehen ließ.

Was mögen die "unerwarteten völlig privaten Gründe" gewesen sein, die Erwin Schweitzer zur Aufgabe seiner Arbeitsstelle veranlasst haben? In den vorliegenden Unterlagen befindet sich ein Auszug aus dem Geburtsregister der jüdischen Gemeinde in Berlin mit Datum vom 27.4.1943, der die jüdische Herkunft von Cäcilie Schweitzer nachweist. Es muss also eine entsprechende Anfrage beim Reichssippenamt gegeben haben, die vermutlich in die Hände der Gestapo gelangte oder von ihr verursacht wurde. Nach Angaben seines Bruders (1950) musste er "auf Anordnung der Gestapo in Bremen seine Tätigkeit aufgegeben".

Ein Eintrag auf seiner Einwohnermeldekarte scheint dies zu bestätigen: "Schw. ist Jude - Mitt. der Gestapo vom 18.5.43". Dieses Datum korrespondiert mit seiner Kündigung. Auf der Einwohnermeldekartei seiner Mutter befindet sich der gleiche Vermerk. Am 24.5.43 hat er dann der Behörde seine Vornamensergänzung um "Israel" angezeigt.

Erwin Schweitzer wurde von der Gestapo aufgefordert, sich am 9.6.1943 zum Transport in ein Arbeitslager in Hamburg einzufinden. Er ließ sich daraufhin von Karl Bruck ("Vertrauensmann" der Reichsvereinigung der Juden Bremen) beraten, was er an Gepäck mitzunehmen habe. Nach der Erinnerung des Bruders waren dies u.a. ein vollständiges Bett mit Bettwäsche, Tischtücher, Handtücher, Wäsche, mehrere Anzüge, Schreibutensilien und Bücher sowie zahlreiche Werkzeuge. Sein Bruder begleitete ihn in Hamburg zum Bahnhof.

Am 9.6.1943 bestieg Erwin Schweitzer den Transport 74-VI/7 der in Theresienstadt am 11.6.1943 eintraf. Der Transport bestand aus 81 Personen. Erwin schrieb seinem Bruder mehrere Karten aus dem Ghetto. Eine weitere Inhaftierte aus Bremen, Frau G. Händler, hat dort mehrmals mit ihm gesprochen. Am 15.5.1944 wurde er mit dem Transport "Dz" zusammen mit weiteren 2500 Personen nach Auschwitz deportiert. Damit verliert sich seine Spur. Aus diesem Transport überlebten nur 137 Menschen das KZ, alle anderen wurden ermordet. Erwin Schweitzer wurde auf den 8.5.1945 für tot erklärt.

Die Mutter Cäcilie Schweitzer lebte aufgrund einer schweren Erkrankung bei ihrem Sohn Helmuth in Hamburg. Kurz vor der Deportation ihres Sohnes Erich war sie in der Heil- u. Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Familie im Visier der Gestapo war, ist eine Mitteilung an die Einwohnermeldebehörde über ihren Aufenthaltsort im Krankenhaus (Vermerk vom 18.5.43). Sie wurde aus der Hamburger Klinik, lt. Angabe von Helmuth von der Gestapo veranlasst, weiter in das Jüdische Krankenhaus in Berlin verlegt, wo sie bereits am Tag ihrer Überführung, dem 16.6.1943, verstarb.

Nach Erwin Schweitzers Deportation und dem Tod seiner Mutter wurde das Haus Zeppelinstraße 36a am 19.7.1943 von der Oberfinanzdirektion Weser-Ems beschlagnahmt. Weiter wurde der gesamte Nachlass und das sonstige inländische Vermögen der Familie "zugunsten des Deutschen Reichs" eingezogen.

Helmuth Schweitzer wurde noch am 14.2.1945 aus Hamburg nach Theresienstadt deportiert. Er wurde befreit und verließ das Ghetto am 30.6.1945. Seine Ehefrau und seine drei Kinder hatten Hamburg nach ihrer Ausbombung verlassen. Es gelang Frau Schweitzer für ihre Kinder Ausweise ausgestellt zu bekommen, die keine Kennzeichnung "J" enthielten. Sie haben alle überlebt.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E4325, Ra 702, Einwohnermeldekarten
Bundesarchiv, Gedenkbuch
www.holocaust.cz
www.tenhumbergreinhard.de (Transportlisten)

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Christen jüdischer Herkunft
Glossarbeitrag Theresienstadt
Glossarbeitrag Auschwitz
Glossarbeitrag "Arisierung"