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Israel Weiss, *1890

FLUCHT 1939 BELGIEN, VERHAFTET 1942 MARSEILLE, DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ / BUCHENWALD, TOT 19.2.1945


Große Johannisstraße 72
Bremen-Neustadt

Verlegedatum: 28.09.2012


Große Johannisstraße 72 - Weitere Stolpersteine:


Israel Weiss

Israel Weissgeb. 9.1.1890 in Lachowice

Israel Aron Weiss war der Sohn von Juda Weiss und seiner Ehefrau Feige, geb. Mohr. Er lebte von April 1913 bis zum 16.4.1939 in Bremen. Am 21.9.1916 heiratete er Charlotte Rosenblum. Das Ehepaar blieb kinderlos.

Israel Weiss hatte Handelserlaubnisse für Säcke, Lumpen, Knochen und Vieh, die durch zwangsweise Abmeldung Ende 1938 erloschen. Weiter handelte er mit gebrauchten Kraftfahrzeugen und Ersatzteilen. Seine Betriebsstätte befand sich in der Neuenlander Str./ Ecke Meterstraße. Charlotte Weiss war im Betrieb als Buchhalterin beschäftigt.

Am 25.1.1923 erhielt Israel Weiss einen Strafbefehl über eine Geldstrafe in Höhe von 5.000 Reichsmark, ersatzweise je 150 RM zu einem Tag Gefängnis. Er hatte einen Verstoß nach der Verordnung vom 13.1.1919 begangen. Darin war geregelt, dass innerhalb von drei Tagen alle Schusswaffen und Munition abzuliefern waren (Rückgabe von Kriegswaffen).

Nach Erinnerung des zweiten Ehemannes von Charlotte Weiss, Walter Ginsberg, soll ihre Wohnung in der Großen Johannisstraße im Zuge der Reichspogromnacht demoliert worden sein. Israel Weiss wurde verhaftet. Er war vom 11.11.1938 bis zum 17.12.1938 im KZ Sachsenhausen in Haft.

Das Geschäft soll nach dem 9.11.1938 beschlagnahmt und vom Polizeiamt abgewickelt worden sein. Er muss erfolgreich gewirtschaftet haben. Nach dem vorliegenden Bescheid über die Judenvermögensabgabe vom 12.12.38 hatte er 7.200 RM zu entrichten. Die Berechnungsrundlage war hierfür ein angemeldetes Vermögen von 36.000 RM.

Nach seiner Entlassung aus dem KZ war er bemüht, die Auswanderung weiter vorzubereiten. Bereits am 9.11.1938 hatte sich das Ehepaar ein Angebot von der Speditionsfirma Neukirch über einen Liftvan zwecks Auswanderung in die USA geben lassen. Der Preis sollte für fünf Kubikmeter bei 1.600 RM liegen. Am 1.3.1939 waren für Israel Weiss 2.000 RM für Umzugsgut an die Dt. Golddiskontbank, Berlin, für das Konto des Reichswirtschaftsministeriums überwiesen worden (Dego-Abgabe). Am 13.6.1939 wurde die Zahlung der Seefracht vom Norddeutschen Lloyd quittiert. Das Umzugsgut muss Bremen verlassen haben, da es nach Angaben von Walter Ginsberg verlustig ging. Am 20.12.1938 verkauften sie ihr Grundstück. Wohnungseinrichtung und Auto mussten unter Wert veräußert werden.

Nachdem vermutlich immer noch kein Visum für die USA vorlag, emigrierte Israel Weiss am 16.4.1939 nach Brüssel. Am 1.3.1940 folgte ihm seine Frau nach. Von dort floh das Ehepaar dann nach Frankreich, vermutlich kurz vor oder nach der Besetzung Brüssels durch die Wehrmacht am 17.5.1940. Danach verliert sich ihre Spur zunächst.

Am 26.8.1942 wurde das Ehepaar in Marseille verhaftet. An diesem Tag fand die erste Großrazzia gegen Juden in der "Zone Libre" statt. Es wurden über 10.000 nichtfranzösische Juden deportiert. Vermutlich wurde Israel W. zunächst in das Sammellager Drancy gebracht. Seine Ehefrau unternahm in Marseille einen Selbstmordversuch und konnte beim Transport vom Krankenhaus zur Polizei entkommen. Sie tauchte bis zu ihrer Befreiung durch die französische Armee unter.

Israel Weiss wurde vermutlich von Drancy nach Auschwitz deportiert (Datum nicht bekannt). Im Zwangsarbeiterlager Blechhammer, das von der Wehrmacht verwaltet wurde, erhielt er vom KZ Auschwitz die Häftlingsnummer 179238, die um den 1.4.1944 ausgegeben wurde. Zu diesem Lagerkomplex gehörte auch ein Konzentrationslager für Juden. Insgesamt waren in Blechhammer etwa 48.000 Zwangsarbeiter interniert gewesen. Am 21. Januar 1945 begann die SS mit der Räumung des Lagers. Die Überlebenden erreichten am 2.2.1945 nach einem Todesmarsch das KZ Groß-Rosen. Von dort wurden die Juden in Viehwagons in das KZ Buchenwald und die Kriegsgefangenen in das KZ Dachau gebracht.

Israel Weiss erreichte Buchenwald lebend und erhielt dort am 10.2.1945 noch die Häftlingsnummer 125509. Vermutlich aufgrund der Strapazen des Todesmarsches verstarb er im KZ am 19.2.1945. Sofern die Todesbescheinigung korrekt ist, starb er an einer beiderseitigen Lungenentzündung.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E11198 und E10055
Reichsgesetzblatt Nr. 7/1919
www.wikipedia.de (Arbeitslager Blechhammer)

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag Sachsenhausen
Glossarbeitrag Auswanderung
Glossarbeitrag Drancy