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Miriam Bialystock, *1929

Flucht 1939 nach Belgien interniert im Lager Malines/deportiert 1.9.1942
ermordet in Auschwitz


Am Brill 14
Bremen-Mitte


Am Brill 14 - Weitere Stolpersteine:


Miriam Bialystock

Miriam Bialystockgeb. 15.1.1929 in Bremen

Miriam Bialystock war nach ihrem 1923 in Hannover geborenem Bruder Moshe Martin das zweite Kind von Heinrich (Chaim) Bialystock und seiner Ehefrau Franja, geb. Bloch. Ihr Vater betrieb Am Brill 14 in Bremen unter dem Firmennamen „Adler“ im eigenen Wohn- und Geschäftshaus ein erfolgreiches Textilgeschäft. Die Familie wohnte im ersten Stock des Hauses über den Geschäfträumen.

Am 29.1.1932 hatte Heinrich Bialystock die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt. Unter dem NS-Regime wurde die Einbürgerung am 27.2.1934 widerrufen. Damit waren Heinrich Bialystock, seine Frau und seine Kinder „staatenlose Ausländer“.

Über Miriam Bialystocks frühe Kindheit ist kaum etwas bekannt. Ein wohl 1934 aufgenommenes Foto zeigt die fünfjährige Miriam an der Hand ihres elfjährigen Bruders als fröhlich lachendes Kind. Das Foto ist auf der in Hannover für Mitglieder der Familie Bloch angelegten Webseite unter der Webadresse http://www.erinnerungundzukunft.de/index.php?id=153 zu finden.

Der Vater war im Juni 1938 gezwungen, in die Niederlande und weiter nach Belgien auszureisen. Die Mutter blieb zunächst mit den Kindern zurück, um das Haus zu verkaufen und das Geschäft abzuwickeln.

Im September 1938 verkaufte Franja Bialystock das Haus Am Brill 14 an das Unternehmen C&A Brenninkmeyer, dessen Bremer Textilkaufhaus sich im Nachbargebäude befand. Die näheren Umstände des Verkaufs werden in den Biografien von Heinrich ind Franja Bialystock beschrieben.

In der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10.11.1938 schlugen SA-Männer die Schaufensterscheiben ein, plünderten und verwüsteten den Laden. Franja Bialystock flüchtete am nächsten Morgen mit beiden Kindern zu einer befreundeten Familie. Am Abend zwang die Polizei Franja, das Geschäft auf eigene Kosten mit Brettern vernageln zu lassen.

Einige Tage nach der Pogromnacht mussten der fünfzehnjährige Moshe Martin Bialystock und ein weiterer Junge auf dem Jüdischen Friedhof in Hastedt die in der Pogromnacht in Bremen ermordeten Heinrich Rosenblum und Selma Zwienicki begraben, während die jüdischen Frauen einen großen Kreis um sie bildeten. Die erwachsenen jüdischen Männer waren zu diesem Zeitpunkt im KZ Sachsenhausen inhaftiert.

Ende 1938 flüchteten Moshe Martin und Miriam Bialystock in die Niederlande. Von der Mutter in die Nähe der Grenze gebracht, mussten sie – ohne Gepäck, Geld und Papiere – eine Stunde lang allein durch die Felder laufen, bis sie an ein jenseits der Grenze gelegenes Haus kamen, in dessen Nähe eine Tante auf sie wartete. In Den Haag wollte die Fremdenpolizei sie nach Deutschland zurückschicken, was durch die Intervention der Jüdischen Gemeinde verhindert wurde.

Ende Februar 1939 verliess Franja Bialystock Bremen und begab sich illegal zu ihrem Mann nach Antwerpen. Die Tochter Miriam wurde aus Den Haag über die Grenze geschleust und stieß zu den Eltern.

Moshe Martin Bialystock blieb in den Niederlanden und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Er schloss sich der jüdischen Jugendbewegung an und trat mit der Jugend-Alijah in Verbindung, die für die Auswanderung junger Juden nach Palästina warb. Heinrich und Franja Bialystock hatten seit längerem geplant, mit den Kindern in die USA auzuwandern. Sie hatten bereits für die ganze Familie die erforderlichen Bürgschaften (Affidavits) beschafft; da jedoch die Quote für amerikanische Visa beschränkt war, mussten sie noch unbestimmte Zeit warten. Franja Bialystock hatte bereits von Bremen aus die Möbel und weitere Einrichtungsgegenstände mit einem Lift an einen in Ohio lebenden Verwandten verschickt. Mit dem Entschluss ihres Sohnes, nach Palästina auszuwandern, waren sie nicht einverstanden. Als er sich endgültig entschieden hatte, teilte er im März 1940 den Eltern mit, wann der Zug, mit dem er nach Marseille fuhr, in Antwerpen hielt. Eltern und Schwester waren am Bahnhof, und die Eltern begleiteten ihn im Zug bis Brüssel; keiner war in der Lage, ein Wort zu sprechen. In Brüssel übergab ihm seine Mutter einen Koffer und persönliche Briefe der Eltern.

Heinrich, Franja und Miriam Bialystock hielten sich in Antwerpen zuletzt unter der Adresse Van Leriusstraat 43 auf. Dort wurden sie von der Gestapo verhaftet und in das Sammel- und Durchgangslager Malines/Mechelen gebracht. Am 1.9.1942 wurden sie von dort mit dem Transport VII unter Bewachung der SS nach Auschwitz-Birkenau deportiert und nach der Ankunft ermordet.

Moshe Martin Bialystock gelangte mit der Jugend-Alijah über Marseille und Beirut nach Palästina. In der Hoffnung, seinen Angehörigen helfen zu können, schloss er sich dort als Freiwilliger den britischen Truppen an, kämpfte in Nordafrika (El Alamein und Tobruk), und in Italien (bei der Landung in Salerno und – nach dem Anschluss der britischen Regimenter an die 5. US-Armee – in Monte Cassino).

Am 9.11.2009 sprach er am Mahnmal für die Bremer Opfer der Reichspogromnacht und war Ehrengast bei der Nacht der Jugend im Bremer Rathaus. Er lebt heute – 88 Jahre alt – mit seiner Frau Rachel in der Nähe von Tel Aviv; sie haben zwei Töchter, sechs Enkel und neun Urenkel. Ihrer ältesten Tochter gaben sie den Namen Miriam.

Verfasser: Michael Cochu (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E4763; 4,54-E10486; 4,54-E12058
„Jodenregister“ der Stadt Antwerpen
Yad Vashem: The Central Database of Shoah Victims’ Names
Martin Bialystock: Bericht, in: Inge Marßolek u. Wiebke Davids (Hrsg.), „Man hängt immer zwischen Himmel und Erde ...“. Jüdische Emigrantinnen und Emigranten (1933-45) aus Bremen berichten, Bremen 1997, S.53-66
Samuel Bloch, Geschichte der Familie Bloch – erzählt vom Enkel Dr. Samuel Bloch, Stuttgart, s. http://www.erinnerungundzukunft.de/index.php?id=153

Abbildungsnachweis: Privatbesitz

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag Auswanderung
Glossarbeitrag Malines / Mechelen
Glossarbeitrag Auschwitz