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Judas Reifer, *1889

ausgewiesen 1938 nach Polen
Schicksal unbekannt


Fliederstr. 41b
Bremen-Hemelingen


Fliederstr. 41b - Weitere Stolpersteine:


Judas Reifer

geb. 23.5.1889 in Kwaczala/Polen

Judas (Juda) Tymberg stammte aus dem galizischen Kwaczala. Seine Mutter war Beindla Tymberg, sein Vater war unbekannt. Die Familie Tymberg wurde Reifer genannt, der Grund lässt sich nicht erschließen. Möglicherweise geht dies auf eine Namenszuweisung in der österreichischen Verwaltungszeit zurück.

Seit dem 19.2.1920 war Judas Tymberg, aus Chrzanow kommend, in Bremen gemeldet. Er war mit Ester Dwojre Stelzer, geb. 11.12.1894 in Oswieczim (Auschwitz), verheiratet. Die Eheschließung fand am 19.3.1920 in Bremen statt. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, beide in Bremen geboren: Spandla (geb. 23.6.1921) und Adolf (geb. 13.5.1923). Die Familie besaß bereits ab 1920 ein Haus in der Fliederstraße 41b. In der Fliederstraße 41a wohnte die Familie Lundner, die ebenfalls aus Chrzanow kam; der Ort, aus dem auch Mascha Kaléko kam.

Judas Tymberg betrieb vom 26.10.1928 bis zu seiner Ausweisung eine Wäschevertretung. Die Nachbarn hatten den Eindruck, dass es eigentlich das Geschäft seiner Ehefrau sei, da sie täglich mit einem großen Koffer das Haus verließ, während der Ehemann meistens zu Hause war, wo auch Kunden empfangen wurden. Die Tymbergs handelten u. a. mit Wäsche, Tischdecken, Handtüchern und Bettwäsche. Wie in der Branche üblich, lieferten sie die Ware auch auf Teilzahlung.

Die Familie Tymberg hatte die polnische Staatsangehörigkeit beibehalten und war damit von den Ausweisungen am 28.10.1938 im Rahmen der sog. Polenaktion betroffen. Bei dem im Melderegister vermerkten Ausweisungsdatum "17.10." handelt es sich vermutlich um einen Eintragungssfehler, da die Familie auf der erhalten gebliebenen Abschiebeliste (28.10.1938) verzeichnet ist und die Eintragung auf der Einwohnermeldekarte nachträglich (1939) erfolgte.

Überlebende Familienangehörige berichteten, dass die Verhaftung zur Abschiebung völlig überraschend gekommen sei. Sie seien während der Essenszubereitung von einem Polizisten aufgefordert worden, sofort zur Wache mitzukommen. Sie hätten alles stehen und liegen lassen müssen und seien der Anweisung des Polizisten gefolgt, hätten weder Mäntel noch Reiseproviant mitnehmen können. Eine Rückkehr ins Haus sei unmöglich gewesen. Die Schwester von Ester Tymberg, Eva, die seinerzeit in Berlin lebte, berichtete von einem Zwischenstopp des Zuges in Berlin. Sie habe dies genutzt, um warme Kleidung und Proviant zum Bahnhof zu bringen. Wieso sie so kurzfristig von der Deportation Nachricht erhielt, ist nicht überliefert.

Ester Tymberg gehörte zum Kreis derjenigen Abgeschobenen, die vermutlich Ende Mai 1939 eine befristete Aufenthaltserlaubnis bekamen, um das in Deutschland verbliebene Eigentum abwickeln zu können. Eine nichtjüdische Mitbewohnerin des Hauses erinnerte sich später: „Im Juni oder Juli 1939 kam Frau Tymberg zurück, um ihren Haushalt aufzulösen. Frau T. hat ihre gesamte Habe selbst verpackt und durch einen Spediteur verladen lassen, und ist dann wieder abgefahren". Vielfach erreichte das Umzugsgut jedoch nicht seinen Bestimmungsort. Das Grundstück Fliederstraße 41b, dessen Besitzerin Ester Tymberg war, wurde kommissarisch verwaltet und 1943 vom Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems verkauft.

Mit der Deportation der Familie Tymberg nach Polen verliert sich ihre Spur. Judas, Ester, Spandla und Adolf Tymberg wurden auf den 31.12.1945 für tot erklärt.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2013)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E11196, 4,54-Ra694, Einwohnermeldekartei

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion