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Ester Reifer, geb. Stelzer, *1894

ausgewiesen 1938 nach Polen
Schicksal unbekannt


Fliederstr. 41b
Bremen-Hemelingen


Fliederstr. 41b - Weitere Stolpersteine:


Ester Reifer

geb. 11.12.1894 in Oswieczim (Auschwitz)


Ester Dwojre Tymberg, genannt Reifer, war die Tochter von Benjamin Stelzer (gest. 1912 in Krakau) und seiner Ehefrau Scheindel, geb. Hellmann (gest. 1918 in Auschwitz). Die Eltern waren nur rituell verheiratet. Ester Tymberg kam bereits im Alter von zwei Jahren nach Deutschland. Ab dem 6.11.1918 war sie in Sebaldsbrück gemeldet.

Sie heiratete am 19.3.1920 Judas Tymberg. Er stammte aus dem galizischen Kwaczala. Die Familie Tymberg wurde Reifer genannt, der Grund lässt sich nicht erschließen. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, beide in Bremen geboren: Spandla (geb. 23.6.1921) und Adolf (geb. 13.5.1923). Die Familie besaß ein Haus in der Fliederstraße 41b.

Judas Tymberg betrieb vom 26.10.1928 bis zu seiner Ausweisung eine Wäschevertretung. Die Nachbarn hatten den Eindruck, dass es eigentlich das Geschäft seiner Ehefrau sei, da sie täglich mit einem großen Koffer das Haus verließ, während der Ehemann meistens zu Hause war, wo auch Kunden empfangen wurden. Die Tymbergs handelten u. a. mit Wäsche, Tischdecken, Handtüchern und Bettwäsche. Wie in der Branche üblich, lieferten sie die Ware auch auf Teilzahlung.

Die Familie Tymberg hatte die polnische Staatsangehörigkeit beibehalten und war damit von den Ausweisungen am 28.10.1938 im Rahmen der sog. Polenaktion betroffen. Bei dem im Melderegister vermerkten Ausweisungsdatum "17.10." handelt es sich vermutlich um einen Eintragungssfehler, da die Familie auf der erhalten gebliebenen Abschiebeliste (28.10.1938) verzeichnet ist und die Eintragung auf der Einwohnermeldekarte nachträglich (1939) erfolgte.

Überlebende Familienangehörige berichteten, dass die Verhaftung zur Abschiebung völlig überraschend gekommen sei. Sie seien während der Essenszubereitung von einem Polizisten aufgefordert worden, sofort zur Wache mitzukommen. Sie hätten alles stehen und liegen lassen müssen und seien der Anweisung des Polizisten gefolgt, hätten weder Mäntel noch Reiseproviant mitnehmen können. Eine Rückkehr ins Haus sei unmöglich gewesen. Die Schwester von Ester Tymberg, Eva, die seinerzeit in Berlin lebte, berichtete von einem Zwischenstopp des Zuges in Berlin. Sie habe dies genutzt, um warme Kleidung und Proviant zum Bahnhof zu bringen. Aus welchem Grund sie derart kurzfristig von der Deportation Nachricht erhielt, ist nicht überliefert.

Ester Tymberg gehörte zum Kreis derjenigen Abgeschobenen, die vermutlich Ende Mai 1939 eine befristete Aufenthaltserlaubnis bekamen, um das in Deutschland verbliebene Eigentum abwickeln zu können. Eine nichtjüdische Mitbewohnerin des Hauses erinnerte sich später: „Im Juni oder Juli 1939 kam Frau Tymberg zurück, um ihren Haushalt aufzulösen. Frau T. hat ihre gesamte Habe selbst verpackt und durch einen Spediteur verladen lassen und ist dann wieder abgefahren". Vielfach erreichte das Umzugsgut jedoch nicht seinen Bestimmungsort. Das Grundstück Fliederstraße 41b, dessen Besitzerin Ester Tymberg war, wurde kommissarisch verwaltet und 1943 vom Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems verkauft.

Mit der Deportation der Familie Tymberg nach Polen verliert sich ihre Spur. Judas, Ester, Spandla und Adolf Tymberg wurden auf den 31.12.1945 für tot erklärt.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2013)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E11196, 4,54-Ra694, Einwohnermeldekartei

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion