Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Suche
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Rachel Traum, geb. Stark, *1886

ausgewiesen 1938 nach Polen
Schicksal unbekannt


Sebaldsbrücker Heerstr. 55
Bremen-Hemelingen


Sebaldsbrücker Heerstr. 55 - Weitere Stolpersteine:


Rachel Traum

geb. 6.12.1886 in Lisko

Rachel (Rechel) Stark und Moses Traum heirateten 1912 in Lisko. Sie hatten fünf Kinder.

1913 übersiedelte die Familie nach Deutschland, 1914 nach Bremen. Sie wohnte zunächst in der Vahrer Straße 182. Moses Traum gründete in der Sebaldsbrücker Chaussee 109 eine Hemden- und Schürzenhandlung. Seine Waren vertrieb er auch auf dem Hausierweg. 1919 meldete er einen Produktenhandel ohne Lager an. Er handelte mit „Knochen, Lumpen und altem Eisen“.

Am 11.12.1920 wurde der Polizeidirektion die Ausweisung von Moses Traum empfohlen, da er keine produktive Arbeit leiste sondern nur Händler sei. In der Verhandlung wies Moses nach, dass er als ehemals österreichischer Staatsangehöriger gedient habe (Juni bis November 1915), dass nichts Nachteiliges über ihn bekannt sei und dass er sein Auskommen habe. Auf eine Ausweisung wurde verzichtet. 1931 leistete Moses Traum einen Offenbarungseid. Er musste mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen, weil ihm vorgeworfen wurde, er habe Außenstände verschwiegen. Er wurde letztendlich freigesprochen. Sein Geschäft war indes ruiniert und er lebte seit 1932 von Fürsorgeunterstützung. Diese betrug für die gesamte Familie wöchentlich 14,70 RM. Er musste in den Arbeitsstätten der Fürsorge am Buntentorsteinweg arbeiten. Die Wohnungsmiete betrug 30,00 RM monatlich. 1934 meldete er sämtliche Gewerbe ab (Abzahlungsgeschäft; Hausierhandel mit Kurzwaren, Kaffee, Tee und Kakao).

Im Juli 1933 wurde die Familie von einem Gastwirt, der seine Gastwirtschaft im Erdgeschoss betrieb, denunziert. Er behauptete, die Traums seien schmutzig und sie lebten mit sieben Personen in einem Zimmer. Jeden Sonnabend werde in der Wohnung offenbar „Synagoge abgehalten“. Seine Gäste hätten Anstoß daran genommen, was sich schädlich für sein Geschäft auswirke. Er bat um Prüfung, ob die Familie nicht ausgewiesen werden könne. Anscheinend wurde die Anzeige von der Polizei aber nicht verfolgt. In einem Polizeibericht von 1937 hieß es „Nachteiliges ist über die Familie Traum nicht bekannt geworden“. Nach der Ausweisung am 1938 wurde festgestellt: „Zu beanstanden war an der Wohnung nichts“. Die Familie Traum bewohnte die gesamte erste Etage.

Die beiden ältesten Söhne schickte Moses Traum auf eine weiterführende Schule. Er selbst besaß eine umfangreiche Briefmarkensammlung.

Im Rahmen der Polenaktion wurde der Familie Traum am 27.10.1938 mitgeteilt, dass sie bis zum 29.10.1938 das Reichsgebiet zu verlassen hätten. Sie wurden nach Polen ausgewiesen. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt. Sie wurden auf den 8.5.1945 für tot erklärt.

Der Sohn Siegmund (Schmuel) bereitete sich ab 1933 auf seine Auswanderung nach Palästina in einem Umschulungslager in Hamburg-Blankenese vor. Die Kosten für die „Alijah“ übernahm die jüdische Gemeinde. Er wanderte 1935 nach Palästina aus. Sein Sohn Yaakov hat für Rachel, seine Großmutter, in Yad Vashem ein Gedenkblatt angelegt.

Im Haus Sebaldsbrücker Heerstraße 55, in dem Familie Traum wohnte, befand sich außerdem das Bethaus, die „Schul“, der sog. Ostjuden. Es wurde von der in Bremen gegründeten ostjüdischen Gemeinde „Beth Hamidrasch Schomre Schabbos“ (Haus der Schabbath-Hüter) geführt.

Kinder:
Siegmund, geb. 1914 in Lisko (überlebt)
Pinkus, geb. 1916 in Bremen
Isaak, geb. 1919 in Bremen
Markus, geb. 1921 in Bremen
David, geb. 1923 in Bremen


Verfasser:
Peter Christoffersen (2011)

Informationsquellen:
Nach A. Dünzelmann in: Timm et.al., Hastedt, Band 4, Bremen 1990
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E10923
Yad Vashem, Database of Shoah Victims

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag Ostjüdische Gemeinde