Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Suche
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Emmy Stempel, geb. Röttgen, *1900

Deportiert 1941
Ermordet in Minsk


Schillerstraße 14
Bremen-Mitte

Verlegedatum: 30.09.2014


Schillerstraße 14 - Weitere Stolpersteine:


Emmy Stempel

geb. 24.10.1900 in Niedersprockhövel

Emmy Stempels Eltern waren der Viehhändler Nathan (1882-1929) u. Clara Röttgen (geb. Meyer), die fünf Kinder hatten. Die Familie lebte seit etwa 1850 in Sprockhövel. Sie hatte Kontoristin gelernt und war 1929 aus ihrem Heimatort nach Bremen gezogen. Zunächst war sie mit Karl Schuler verheiratet gewesen; am 8.3.1932 wurde die Ehe geschieden. Sie brachte am 3.12.1934 ein Mädchen zur Welt: Anneliese Röttgen. Der Kindesvater ist unbekannt. Als Emmy Röttgen im Februar 1935 Bremen vorübergehend verließ, brachte sie ihre Tochter bei der Familie Busche in der Bornstraße 53 unter. Dort blieb Anneliese bis Juni 1940.

Am 28.6.1939 heiratete sie den Vertreter Walter Stempel. Mit ihrer Eheschließung zog das Ehepaar Stempel in das Gemeindehaus Kohlhökerstraße 6 um. Ein Jahr später wurde Anneliese wieder von ihrer Mutter zu sich genommen.

Walter Stempel war nach einem Eintrag auf seiner Einwohnermeldekartei Reisender bzw. Vertreter. Von 1933 bis 1938 hatte er eine Gewerbe- und Warenvertretung angemeldet. In der Nazi-Boykottbroschüre von 1935 wird er als Vertreter der Fa. Bähr & Co. aufgelistet. Ab 1923 bekam er die bremischen Bürgerrechte. 1932 ließ er sich taufen (evangelisch). Nach Erlass der Nürnberger Gesetze von 1935 galt er jedoch wieder als Jude, seine Einwohnermeldekartei vermerkt: "4 Großelternteile Jude". Er hatte einen Sohn, Heribert Riechers, der 1921 außerehelich geboren wurde. Er wuchs bei seiner Mutter auf und hatte kaum Kontakt zu seinem Vater gehabt. Im Zuge der Pogromnacht wurde Walter Stempel am 9./10.11.1938 verhaftet und tags darauf in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Sein Entlassungsdatum ist nicht bekannt.

Emmy Stempel war zuletzt Sekretärin im Bremer Büro der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, das in der Kohlhökerstraße 6 (Gemeindehaus der israelitischen Gemeinde ab 1938) untergebracht war. Hier informierte sie über Auswanderungsmöglichkeiten, gab Rechts- und Finanzberatung, bemühte sich um die Ausstellung bereinigter Führungszeugnisse. Ihre eigene Auswanderung mit Familie soll sie immer wieder zurückgestellt haben, um anderen Juden helfen zu können. Max Markreich merkte in seinen Erinnerungen an, dass sie durch einen "Gestapo-Kommissar" geschützt gewesen sei, aber aufgrund ihrer umfangreichen Kenntnisse über die Vorkommnisse dort, schließlich eliminiert werden sollte.

Am 18.11.1941 wurden Walter und Emmy Stempel und deren siebenjährige Tochter Anneliese von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Dort wurden sie ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen, die einen Höhepunkt in der Vernichtung des überwiegenden Teils der Bewohner des "Sonderghettos" am 28./29.7.1942 fand, zum Opfer.

Walter Stempels Schwester Zerline Bollinger wurde gleichfalls nach Minsk deportiert, seine Mutter Sali wurde im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Der 70jährigen Mutter von Emmy gelang 1939 die Flucht nach Brasilien, wohin bereits zwei ihrer Kinder 1933 geflüchtet waren. Sie starb 1947 in Sao Paulo.

Verfasser:
Peter Christoffersen (2014)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Einwohnermeldekarten
Staatsarchiv Bremen, "auch dich geht es an" AB-9997-2a
Karin Hockamp, Die Toten werden Mahnung sein, Hg. Stadt Sprockhövel 2003
Sprockhövel im Nationalsozialismus 1933-1945, Hg. Arbeitskreis Antifaschismus Ennepe-Ruhr u.a.
Max Markreich, Geschichte der Juden in Bremen und Umgebung, Manuskript Band 2, S. 284, Staatsarchiv Bremen
Lebensgeschichten, Schicksale Bremer Christen jüdischer Abstammung nach 1933, in: Hospitium Ecclesiae, Band 23, Bremen 2009 (2.A.)

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Minsk