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Fränzchen Schneider, geb. Wolff, *1904

UMZUG BERLIN 1941, DEPORTIERT 1942 RIGA
ERMORDET 22.10.1942


Alte Hafenstraße 23
Bremen-Vegesack
ehemalige Straßenbezeichnung: Hafenstraße 23

Verlegedatum: 27.09.2012


Alte Hafenstraße 23 - Weitere Stolpersteine:


Fränzchen Schneider

Fränzchen Schneidergeb. 14.8.1904 in Vegesack

Fränzchen Schneider war die Tochter von Siegmund Wolff (geb. 1863) und seiner Ehefrau Selma Bry (geb. 1873). Fränzchen wuchs zusammen mit zwei Brüdern auf. Der Ältere, Harry, wurde am 20.8.1900 in Vegesack geboren und der Jüngere, Bernhard, am 21.7.1903. Fränzchen wurde Pflegerin, arbeitete aber bis zur Geschäftsaufgabe nach dem Novemberpogrom 1938 im väterlichen Textilgeschäft.

Am 9.1.1939 heiratete sie in Berlin Max Schneider (geb. 17.3. 1908 in Berlin). Das Ehepaar zog am 30.6.1940 aus Berlin kommend in die Hafenstraße 23, dem Wohnhaus ihrer Eltern, ein. Bereits am 11.7.1940 zogen sie wieder nach Berlin, Iranische Straße 2. Wieder aus Berlin kommend, wohnten sie vom 15.5.1941 - 28.5.1941 in der Hafenstraße 23. Danach meldeten sie sich erneut nach Berlin, Iranische Straße 2, ab.

Wahrscheinlich dokumentieren die Eintragungen in der Einwohnermeldekarte keine Wohnungswechsel sondern nur Besuche bei den Eltern. Am neuen Wohnsitz des Ehepaares gab es vielfältige verwandtschaftliche Verbindungen. Max Schneider stammte aus Berlin und seine Eltern lebten noch dort sowie der Bruder Fränzchens, Bernhard mit seiner Familie. Bedeutsam ist die Berliner Adresse, Iranische Straße 2. Hier befand sich das Jüdische Krankenhaus. Möglicherweise fand Fränzchen Schneider als gelernte Pflegerin und als Jüdin im Krankenhaus eine Beschäftigung.

Fränzchens Vater Siegmund Wolff hatte in Vegesack in der Hafenstraße 20 ein Textil- und Bettengeschäft, das er schon von seinem Vater Harry übernommen hatte. Ihre Mutter Selma unterstützte ihren Mann im Geschäft. Ihr Vater war ein sehr angesehener Bürger in Vegesack, er war jahrzehntelang Stadtverordneter.

Die Familie Wolff wohnte in der Reeder-Bischoff-Straße 44 in einer teuren Wohnung. Später kauften sie das Haus Hafenstr. 23, in das sie dann umzogen. Zwei Tanten, Henriette und Amalie, unverheiratete Schwestern des Vaters, wohnten in der Nachbarschaft und halfen im Geschäft von Siegmund Wolff. Bruder Harry, der Verlagsdirektor war, zog nach seiner Heirat nach Bremen-Mitte.

In der Novemberpogromnacht 1938 wurden Schaufenster und Geschäftseinrichtung demoliert, auch die Wohnungseinrichtung erlitt große Schäden. In das Haus waren zudem bereits mehrere jüdische Familien aus Vegesack, so auch die Tanten, eingewiesen worden, so dass es den Status eines "Judenhauses" hatte. Am 6.2.1942 mussten Selma und Siegmund Wolff in das "Judenhaus" Legion-Condor-Straße 1 (heute Parkstraße 1) umziehen. Dort verstarb Siegmund Wolff am 8.2.1940.

Ihre Mutter Selma Wolff wurde am 23.7.1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie überlebte alle Strapazen und Entbehrungen und wurde am 5.2.1945, noch vor der Übergabe des Ghettos an das Internationale Rote Kreuz am 8.4.1945, in die Schweiz entlassen. Dort war sie in St. Gallen registriert. Im Dezember 1946 emigrierte sie zu ihrem Sohn Bernhard nach Santiago de Chile. Sie verstarb dort am 28.6.1953.

Ihr Bruder Harry wurde am 28.5.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Der Bruder Bernhard war bei Verwandten in Berlin tätig und dort verheiratet, er hatte einen Sohn (Stefan, geb. 7.11.1937 in Berlin). Der Familie gelang es, rechtzeitig nach Chile zu fliehen. Bernhard verstarb am 2.3.1963 in Chile.

Fränzchen Schneider und ihr Ehemann Max wurden am 19.10.1942 von Berlin nach Riga deportiert. Es war der "21. Osttransport" und bestand aus 959 jüdischen Einwohnern Berlins. Nach drei Tagen erreichte der Transport Riga. Obwohl in diesem Zug 264 Menschen, zwischen 16 und 40 Jahre alt waren, wurden bei der nach ihrer Ankunft vorgenommenen Selektion nur 81 Männer mit handwerklichen Berufen herausgesucht. Unmittelbar danach mussten sie am Bahnhofsgelände Kohlenwaggons entladen. Anschließend wurden sie verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Nur 17 von ihnen überlebten den Krieg. Alle anderen Insassen des Transports wurden gar nicht mehr in das Ghetto eingewiesen, sondern sofort nach der Ankunft in die umliegenden Wälder gebracht und dort an Gruben ermordet.

Es gibt keine Aufzeichnungen über den Verbleib von Fränzchen nach der Deportation. Daraus muss gefolgert werden, dass auch sie sofort nach Ankunft am 22.10.1942 erschossen wurde. Max gehörte vermutlich zu den 81 Selektierten, da er noch im KZ Stutthof war und später dort umgekommen ist.


Verfasser:
Wiltrud Ahlers/Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E4131,Einwohnermeldekartei
Bundesarchiv, Gedenkbuch
www.tenhumbergreinhard.de (Transport Riga)