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Röse Josephs, geb. Birnbaum, *1886

deportiert 191
ermordet in Minsk


Rembrandtstr. 25
Bremen-Schwachhausen


Rembrandtstr. 25 - Weitere Stolpersteine:


Röse Josephs

geb. 25.3.1886 in Hildesheim

Röse Birnbaum war die Tochter von Moritz Birnbaum und Ida Ephraim. Sie heiratete 1909 in Hildesheim den Kaufmann Carl Max Josephs (geb. 7.4.1870 in Neustadtgödens). In Jever wurden ihre beiden Kinder Fritz-Günther (geb. 4.8.1910) und Hans-Jürgen (geb. 4.2.1912) geboren.

Im Herbst 1916 zog die Familie von Jever nach Bremen, zunächst in die Hohenlohestraße, dann in den Fedelhören und ab 1930 in die Rembertistraße 30.

Carl Max Josephs war Inhaber eines Warengeschäftes, das sich ab ca. 1926 zur Camajo-Kaffeegroßrösterei und Kaffeeversandgeschäft entwickelte. Der Betrieb hatte seinen Sitz in der St.-Pauli-Straße 14. Seine Firma gehörte zu den bedeutenden Versandhandelsbetrieben in Bremen. Noch 1935 lag der Umsatz bei über 300.000 RM. Neben Kaffee und Tee vertrieb Carl Josephs auch Schokoladenwaren, die etwa 10% des Umsatzes ausmachten. Röse Josephs war im Betrieb integriert und mit Prokura versehen.

Er inserierte überregional. Es lassen sich Anzeigen von seinem Versandhandel z. B. im Simplicissimus von 1928 und im Israelit (Centralorgan für das orthodoxe Judentum) von 1933 und 1936 finden. Über die Central-Verein-Zeitung suchte er 1934 noch nach vier Wiederverkäufern. In die Bremer Nachrichten konnte er diese Stellenanzeige nicht bringen, da diese seit Juni 1934 keine Anzeigen von jüdischen Geschäften mehr annahm.

In der Broschüre der Kreisleitung der NSDAP von 1935 "auch dich geht es an" wurde zum Boykott ihres Geschäftes - zusätzlich mit einem Foto des Hauses - aufgerufen. In den Jahren 1936 und 1937 gingen die Umsätze - vermutlich wegen des überregionalen Versandhandels – jedoch nur geringfügig zurück. 1938 wurde der Betrieb "arisiert". Mit Vertrag vom 7.8.1938 verkaufte Carl Josephs sein Geschäft an Walter Meyerkort aus Bremen für 41.000 RM. Mit dem Einzug des Käufers zur Wehrmacht ruhte der Betrieb allerdings bereits ab 1939. Meyerkort fiel im Juni 1944, der Betrieb wurde nach dem Krieg nicht mehr weitergeführt.

1936 errichtete das Ehepaar Josephs einen Erbvertrag vor einem Notar, in dem der Sohn Fritz-Günther auf den „strengsten Pflichtanteil“ gesetzt wurde, sofern er nicht die Beziehungen zu einer bestimmten Frau einstellen würde.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde auch Carl Josephs verhaftet und vorübergehend in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert.

Das Ehepaar Josephs musste am 30.6.1939 in das „Judenhaus“ in der Rembrandtstraße 25 umziehen. Dort starb Carl Josephs am 11.12.1939. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt beerdigt, wo seine Grabplatte erhalten geblieben ist.

Helene Bruns, spätere Ehefrau von Wilhelm Josephs - seinem Bruder, schrieb in einem Brief nach dem Kriege an den überlebenden Sohn Harry Josephs (Hans-Günther), dass sie 18 Jahre im Hause seiner Eltern ein- und ausgegangen sei: „Ich war bis zur letzten Stunde bei Ihren Angehörigen im Haus zusammen. Gleich nach dem Abtransport ihrer Lieben kamen zwei Möbelwagen vorgefahren und haben sämtliches Inventar, sogar die zurückgelassene Wäsche u. a. … abtransportiert. Später hörte ich, dass diese Sachen alle versteigert worden sind.“

Am 18.11.1941 wurde Röse Josephs von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Dort wurde sie ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlag, fiel sie einer der Massenmordaktionen, die Ende Juli 1942 begannen, zum Opfer.

Ihr Sohn Fritz-Günther emigrierte 1935 nach Amsterdam. Dort heiratete er Frieda Rudawer aus Offenbach. Er wurde am 4.5.1943 von Westerbork nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Seine Ehefrau wurde zusammen mit ihrer im Lager geborenen Tochter Lieselotte am 26.2.1944 nach Theresienstadt und am 23.10.1944 weiter nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden.

Der Sohn Hans-Jürgen wanderte am 15.10.1933 nach Holland aus. Zunächst nach Bussum, ab September 1934 in Amsterdam wohnend. Trotz wirtschaftlicher Not konnte er in Amsterdam eine Ausbildung in Elektrotechnik machen, ein entsprechendes Geschäft eröffnen und bis zur erzwungenen Schließung 1942 führen. Kurz danach wurde er verhaftet und war vom 18.12.1942 bis zur Befreiung am 15.4.1945 im Lager Westerbork interniert. Seine damalige Ehefrau Vera Josephs geb. Tichauer (Eheschließung 1939, Scheidung 1945) war gleichfalls in Westerbork interniert und überlebte. Beide hatten in Amsterdam für den Judenrat gearbeitet, er als Elektriker, sie als Stenotypistin. Möglicherweise wurden sie deshalb von Deportationen zurückgestellt, was ihnen das Leben rettete. Am 12.2.1947 wanderte er nach New York aus und verstarb 1966.

Die Geschwister von Carl Max Josephs, Wilhelm und Cäcilie Josephs, wurden gleichfalls nach Minsk deportiert und ermordet.


Verfasser:
Barbara Ebeling/Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E4298, 4,54-E11902, 4,54-E4300, 4,54-Ra157,
Einwohnermeldekartei
www.simplicissimus.info
www.edocs.ub.uni-frankfurt.de
www.genealogy.net (Grabsteine)
Bundesarchiv, Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
www.joodsmonument.nl

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk
Glossarbeitrag Westerbork