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Isidor Keller, *1881

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Rembrandtstr. 25
Bremen-Schwachhausen


Rembrandtstr. 25 - Weitere Stolpersteine:


Isidor Keller

geb. 24.9.1881 in Oroshaza/Ungarn

Isidor Keller war der Sohn von Hermann Keller und seiner Ehefrau Rosalie geb. Wersetz (?). Am 1.9.1911 heiratete er Paula Adler, geb. 25.9.1882 in Mellrichstadt. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Harry, geb. 17.7.1912 in Bremen, und Siegfried, geb. 8.2.1914 in Bremen.

Isidor Keller war, aus Hannover kommend, ab 1910 in Bremen gemeldet, Paula seit 1911. Die Familie Keller wohnte seit 1928 in der Richard-Wagner-Straße 21, bis das Ehepaar im September 1941, kurz vor der Deportation, in das "Judenhaus" Rembrandtstraße 25 umziehen musste.

Isidor und Paula Keller besaßen in der Sögestraße 29 das „Spitzenhaus Keller" (Stickereien, Spitzen und Weißwaren). Sie beschäftigten zeitweise bis zu sieben Angestellte. Isidor Keller betrieb sein Gewerbe anfangs in der Obernstraße. Während des Ersten Weltkrieges war Paula Keller als Inhaberin eingetragen und verlegte den Betrieb in die Sögestraße. Ab 1921 wurde ihr Mann wieder als Inhaber geführt, seine Frau hatte Prokura. Vermutlich um seinen Söhnen eine Existenzmöglichkeit zu sichern, ließ er sie Ende 1935 als Teilhaber eintragen. Die Eintragung in das Handelsregister wurde am 20.5.1936 von der Polizeidirektion jedoch als unzulässig abgelehnt. Harry äußerte sich daraufhin gegenüber seinem Schulfreund Hugo Bez: "Nicht einmal das darf man".

Am 22.10.1938 wurde das Geschäft "arisiert". Käuferin war Marie-Luise Hinners. Die Fa. Keller erlosch am 10.12.1938 im Handelsregister. Das Unternehmen war weiterhin erfolgreich und die Fa. Hinrichs war das bekannteste Spitzenhaus in Bremen bis in die 1980er Jahre.

Außer dem Geschäft mussten die Kellers am 9.12.1938 zwangsweise ihr Haus in der Richard-Wagner-Straße verkaufen und von dem Verkaufserlös mehr als die Hälfte an das Reich abtreten.

Am 10.11.1938 wurde Isidor Keller im Zuge des Novemberpogroms verhaftet und nach einem Tag im Zuchthaus Oslebshausen in das KZ Sachsenhausen überstellt. Welche Gedanken mögen ihm durch den Kopf gegangen sein, als er sich die Sachen einsteckte, die er evtl. in der Haft für nützlich hielt? Bei seiner Verhaftung wurden ihm im Gefängnis u.a. eine Geldbörse mit über 100 RM, ein Zigarrenetui, ein Taschenmesser, vier Schreibgeräte, eine Schere, eine Straßenbahnmonatskarte und zwei Brieftaschen mit diversen Papieren abgenommen und in einem Protokoll festgehalten. Am 5.12.1938 wurde er wieder entlassen.

Isidor und Paula Keller wollten ebenfalls nach Montevideo/Uruguay fliehen, wo bereits ihr Sohn Harry lebte. Sie hatten deshalb ihr Mobiliar in zwei Containern verpackt. Die Erlaubnis, diese Container zu verschiffen, musste durch eine Zahlung an die Golddiskontbank (sog. Dego-Abgabe in Höhe von 8.000 RM) erwirkt werden. Außerdem hatten sie Reichsfluchtsteuer in Höhe von 14.500 RM zu entrichten. Die beauftragte Spedition konnte nachweisen, dass die Container bis Antwerpen gelangt waren. Kurz vor ihrer Abreise verfügte die Regierung von Uruguay im Januar 1939 einen Einwanderungsstopp. Daraufhin ließen Kellers ihre Liftvans wieder zurückkommen, da damit gerechnet werden musste, dass sie geplündert werden könnten. 1941 trafen sie in der Tat ausgeraubt und beschädigt wieder in Bremen ein. In wieweit sie über das restliche Umzugsgut noch verfügen konnten, ist nicht bekannt.

Isidor und Paula Keller sowie alle anderen Bewohner des "Judenhauses" Rembrandtstraße 25 wurden am 18.11.1941 nach Minsk deportiert. Dort wurden sie ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen, die Ende Juli 1942 begannen, zum Opfer.

Die beiden Söhne Harry und Siegfried erhielten eine Einzelhandelsausbildung bei der Fa. R. Karstadt AG in Bremen. Im April 1933 wurden sie aus "rassischen Gründen" entlassen. In Harrys Zeugnis vom 18.4.1933 hieß es: "Herr Keller verläßt uns mit dem heutigen Tage wegen Personalumstellung".

Harry Keller fand in Leipzig eine neue Arbeit als Abteilungsleiter in einem Textilhaus bis er 1938 auch dort wegen der "Arisierung" des Geschäftes entlassen wurde und zurück nach Bremen kam. Am 10.11.1938 wurde er im Zuge des Novemberpogroms verhaftet, jedoch schon nach einer Woche wieder entlassen. Am 20.11.1938 wanderte er nach Montevideo aus. Nach jahrelangen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen baute er sich ab 1949 eine eigene Bettfedernfabrik u. -reinigung auf.

Siegfried Keller (später Steven Fred) war bereits am 8.1.1937 nach England als Vertreter für eine deutschen Firma ausgewandert. Am 27.11.1938 wurde er dort als Flüchtling anerkannt. Er lebte zunächst von Gelegenheitsarbeiten und Unterstützung durch das Jüdische Komitee. Von August 1940 bis April 1946 diente er in der britischen Armee. 1945 besuchte er als Sergeant seinen Schulfreund in Bremen. Er war mit Ilse Ida Rothschild (geb. 1911 in Burgkunstadt) verheiratet und hatte eine Tochter. Er starb am 7.4.1959 in London.


Verfasser:
Dagmar Eder/Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E4347, E4867, E10962, E10977, Ra34, Rü5225, Einwohnermeldekartei
Bremer Adressbuch
Bundesarchiv, Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Bruss, Wir schritten durch eine schweigende Stadt, Bremen 1991

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag "Auswanderung"
Glossarbeitrag Minsk