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Sophie Kramer, geb. Glauber, *1891

ausgewiesen 1938 nach Polen
für tot erklärt


Westerstr. 28
Bremen-Neustadt


Westerstr. 28 - Weitere Stolpersteine:


Sophie Kramer

geb. 22.3.1891 in Lachowce

Sophie Kramer, geb. Glauber, war mit Zallel Kramer, genannt Erdstein, verheiratet. Das Ehepaar hatte vier Töchter: Fanny (Feige), geb.1912, Jette (geb. 1920), Frieda (geb. 1922) und Marie (geb. 1924), von denen Fanny noch in Galizien geboren wurde.

Bis zu seiner Trennung 1929/1930 führte das Ehepaar zuerst in der Albrechtstraße und später in der Westerstraße 28 gemeinsam einen sehr erfolgreichen Rohproduktenhandel. Sie hatten mehrere Angestellte. Nach der Trennung führte Sophie Kramer in der Westerstraße alleine einen Rohproduktenhandel und Kleinhandel mit Edelmetallen, bis ihr im Frühjahr 1938 das Gewerbe entzogen wurde. 1940 wurde der gemeinsame Grundbesitz "arisiert“.

Am Tag der Deportation der polnischen Juden, dem 28.10.1938, befand sich Sophie im Kino und wurde von dort abgeführt. Gemeinsam mit ihren Töchtern Frieda und Marie wurde sie nach Polen deportiert. Auch Zallel Kramer wurde nach Polen abgeschoben.

Die Frauen zogen in ihren Herkunftsort Stanislawow (Ukraine) zurück. Die zwei älteren Töchter, Fanny und Jette, waren zuvor in die USA emigriert. Ihr früherer Ehemann Zallel ging nach Galizien, in das von Stanislawow ca. 30 Kilometer entfernt liegende Kalusz, zurück. Später zog auch er in das Haus seiner Schwägerin in Stanislawow. Versuche der Verwandten, das Ehepaar wieder zusammenzubringen, scheiterten.

Das sich im gemeinsamen Besitz befindliche Grundstück in der Westerstraße 28 war mit Hypotheken belegt, die nach der Ausweisung des Ehepaares Kramer nicht mehr bedient wurden. Daraufhin beantragten die Gläubiger die Zwangsversteigerung des Grundstückes. Sophie Kramer versuchte dies mit einem Brief vom 11.8.1939 aus Stanislawow zu verhindern, indem sie auf die Unmöglichkeit der Zahlung wegen der zwangsweisen Ausweisung hinwies. Der Rechtsanwalt einer Hypothekengläubigerin wies diese Einlassung am 15.2.1940 mit der Begründung zurück: "...wird bemerkt, dass die Schuldner Juden sind und es im Interesse des deutschen Volkes liegt, dass grundsätzlich jüdischer Grundbesitz in arische Hände überführt wird. Es kommt weiter in Betracht, dass die Schuldner Polen und damit feindliche Ausländer sind, auf welche die deutschen Vollstreckungsschutzbestimmungen keine Anwendung finden dürfen." Die Zwangsversteigerung fand am 24.9.1940 statt und ergab einen Erlös von 37.500 RM für das Grundstück. Das entsprach der Summe der Steuer- und Hypothekenschulden.

Ein Neffe berichtete später nach seiner Emigration in die USA, dass sich die Spuren von Sophie und Zallel Kramer sowie ihren Töchtern Frieda und Marie 1942 verloren. Nach dem Krieg erfuhr er in Stanislawow, dass die meisten Juden im Herbst 1942 auf den jüdischen Friedhof getrieben und erschossen wurden. Er vermutet, dass auch seine Verwandten dabei waren, da es keine weiteren Spuren mehr von ihnen gab. Am 12.10.1941 gab es in der Stadt die erste Massenerschießung von ca. 10.000 Juden. Die Liquidierungen setzten sich fort. Im Februar/Mai 1943 wurden mit der Auflösung des Ghettos erneut über 11.000 Juden erschossen. Als die Stadt im Juli 1944 befreit wurde, lebten von vormals mehr als 40.000 Juden nur noch 100 in der Stadt.

Zallel Kramer, seine Ehefrau Sophie sowie die Töchter Frieda und Marie wurden auf den 8.5.1945 für tot erklärt.

Die Tochter Fanny betrieb in der Westerstraße einen Produktenhandel mit Öfen und Herden. Sie heiratete am 14.11.1935 Philipp Goldstein (geb. 1908). Im August 1938 konnten sie in die USA emigrieren.

Die Tochter Jette musste ihren Schulbesuch im April 1937 abbrechen und verbrachte ein knappes Jahr in Belfort an einer Privatschule um französisch zu lernen. Die erwünschte Ausbildung zur Auslandskorrespondentin konnte sie nach ihrer Rückkehr nicht fortsetzen. Sie emigrierte gleichfalls im August 1938 in die USA und fand dort eine Anstellung als Fabrikarbeiterin.


Verfasser:
Christiane Pohlmann/Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akten 4,54-E11887, E11884, Ra2057

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag "Arisierung"