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Juda Flamm, *1877

Schutzhaft 9.9.1939 KZ Buchenwald 1940 KZ Dachau
ermordet 26.5.1941


Hastedter Heerstr. 407
Bremen-Hemelingen
ehemalige Straßenbezeichnung: Hastedter Heerstr. 481


Hastedter Heerstr. 407 - Weitere Stolpersteine:


Juda Flamm

Juda Flammgeb. 9.10.1877 in Jastkowice

Abraham Juda Flamm war der Sohn seiner unverheirateten Mutter Hanna Flamm. Er stammte aus Polen, war über Hannover 1904 nach Bremen gekommen und lebte zunächst in der Sebaldsbrücker Heerstraße 89. Er betrieb einen Straßenhandel mit Altgummi, unedlen Metallen und Schrott offenbar mit so viel Erfolg, dass er 1920 das Grundstück Hastedter Heerstraße 481 (heute 407) erwerben und seinen Handel dorthin verlegen konnte. Durch Vermittlung eines Schadchens (Heiratsvermittler) heiratete er am 8.3.1908 in Leipzig Rifka-Laja (gen. Regina) Wandstein. Sie kam aus der Bukowina und lebte in Leipzig als Schirmnäherin. Aus der Ehe von Juda und Rifka-Laja Flamm gingen zehn Kinder hervor (siehe Familienübersicht).

Juda Flamm gehörte der ostjüdischen Gemeinde in Sebaldsbrück an, wo er bei den Gottesdiensten das Amt des Schliach Zibbur (Vorsänger) ausübte. Max Markreich (ehem. Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Bremen) bezeichnete ihn als begnadeten Sänger.

Ab 1933 wurde Juda Flamm rasch Opfer von Verfolgung und Ausgrenzung. Carl Katz (Vorsteher d. Israelitischen Gemeinde Bremen nach dem Krieg) führte dies auf sein Aussehen zurück, das in manchen Punkten dem von der Nazipropaganda verbreiteten Klischee über "den Juden" entsprach. Er musste Anfeindungen erdulden und feststellen, dass sich die meisten Kunden abwandten; schließlich kam 1937 sein Handel gänzlich zum Erliegen.
In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Wohnung der Familie Flamm völlig zerstört. Siegmund Flamm, überlebender Sohn, erinnerte sich: "Ich kann mich noch genau darauf besinnen, dass die Wohnung meiner Eltern in der berüchtigten Novembernacht von SA und SS Leuten zerstört wurde. Sie brachen am frühen Morgen des 9. November 1938 in unsere Wohnung ein und nahmen meinen Vater mit; er kehrte erst abends wieder zurück. Dann zerschlugen sie unsere ganze Wohnung mit Äxten und Beilen." Eine Nachbarin berichtete nach dem Krieg: "Am 10.11.1938 hörten wir einen fürchterlichen Lärm. Wie sich nachher herausstellte hatten dort die SS Leute gehaust. Die Gardinen hingen zerrissen vor den Fenstern, die Beleuchtungskörper waren herausgerissen, die Möbel rausgeworfen." Zwei weitere unmittelbare Nachbarn hatten 1963 bei Nachfragen erhebliche Erinnerungslücken und wussten nichts mehr. Einer von ihnen: "Kann Ihnen leider keine Auskunft über die Sachen des Juden Flamm mitteilen".
Die wirtschaftlichen Verhältnisse führten vermutlich dazu, dass Juda Flamm die Hypothek auf seinem Haus nicht mehr regelmäßig bedienen konnte, da 1933, 1935 und 1937 Zwangsversteigerungen (lt. Grundbucheintrag) angeordnet wurden aber abgewendet werden konnten. Am 8.6.1939 verkaufte er schließlich das zweistöckige Wohnhaus.

Am 9.9.1939 wurde Juda Flamm in "Schutzhaft" genommen und am 20.10.1939 in das KZ Buchenwald - lt. Transportliste als Invalide - überstellt. Er erhielt die Häftlingsnummer 10490/3373. Am 24.10.1940 wurde er in das KZ Dachau überstellt, wo er am 26.5.1941 unter nicht genannten Umständen starb. Seiner Ehefrau wurde die Urne zugesandt. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt.

Seine Ehefrau Rifka-Laja (gen. Regina) Flamm und die Töchter Hanni, Netti und Charlotte wurden am 18.11.1941 in das Ghetto Minsk deportiert. Dort wurden sie ermordet: sofern sie nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlagen, fielen sie einer der Massenmordaktionen, die Ende Juli 1942 begannen, zum Opfer.

Sophie Flamm (geb. 1915) wurde am 28.10.1938 nach Polen ausgewiesen. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Isidor Flamm (geb.1918) wurde wie seine Schwester am 28.10.1938 nach Polen ausgewiesen. Auch sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Samuel Flamm (geb. 1909) ging 1928 für neun Monate nach Berlin, um dort Arbeit in seinem gelernten Beruf als Kürschner zu suchen. Da er durch Nichtoption 1929 staatenlos geworden war, erhielt er für Berlin keine Aufenthaltsgenehmigung. Er versuchte dann nach Bremen, seiner Geburtsstadt, zurückzukehren, aber auch hier wollte man ihm die Aufenthaltsgenehmigung verweigern. Durch den Einsatz des damaligen Rabbiners Dr. Aber wurde ihm schließlich der Aufenthalt wieder bewilligt. Am 29.6.1934 verließ er Bremen, um nach Hamburg-Blankenese zu gehen. In der dortigen Hachschara-Ausbildungsstätte bereitete er sich auf seine Emigration nach Palästina vor. In Blankenese lernte er die Hamburgerin Else Cibulski kennen. Das Paar heiratete 1936 und verließ Deutschland am Tag nach seiner Eheschließung. In Palästina lebten sie zunächst in einem Kibbuz und zogen später nach Netanya, wo sie einen Gemüsehandel betrieben. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor.

Max Flamm (geb. 1911) konnte durch Vermittlung des Rabbiners Dr. Rosenak auf Schiffen mit koscherer Küche arbeiten. 1929 tauchte er in den USA unter, da vermutlich illegal eingereist. Er starb am 28.7.1943 in New York bei einer Kesselexplosion. Er war verheiratet mit Hannah Frieda Emmer. Ihre gemeinsame Tochter wurde nach seinem Tod am 25.10.1943 geboren und erhielt den Namen Maxime.

Jacob Flamm (geb. 1914) wanderte am 15.10.1938 in die USA aus. Aus Hamburg kommend traf er am 27.10.1938 mit der St. Louis in New York ein. Nach seinen Aussagen hatte er sich ab 1933 alle drei Monate bei der Gestapo zu melden. 1935 wurde er von zwei Brüdern aus der Nachbarschaft, die der SS angehört hatten, brutal zusammen geschlagen. Spätere Beeinträchtigungen seines Hör- und Sehvermögens führte er auf diese Tat zurück. Vor seiner Emigration arbeitete er vermutlich ab 1932 im Geschäft seines Vaters oder war im gleichen Gewerbe selbständig. Er heiratete 1963 und hatte einen Sohn. Am 26.7.1972 verstarb er in Atlanta.

Siegmund Flamm (geb. 1923) konnte seine Schulausbildung nicht beenden, auch seine Versuche auf eine Handelsschule zu gehen, scheiterten jeweils an den herrschenden Ausgrenzungsbedingungen für Juden. Er fand schließlich eine Stelle in einem Abbruchunternehmen. Am 1.9.1939 wurde er verhaftet und am 9.9.1939 - im Alter von 16 Jahren - in das KZ Buchenwald deportiert, wo er bis zu seiner Befreiung am 11.4.1945 interniert blieb. Hier hatte er Schwerstarbeit im Steinbruch zu leisten. Nach zwei Jahren hatte er das Glück, als Maurer eingesetzt zu werden. Nach seiner Befreiung lebte er kurze Zeit in Hamburg und ging später zur Ehefrau seines Onkels (ebenfalls in einem der Lager im Osten ermordet), die in Bremen lebte. Anscheinend hatte er keine Informationen über den Verbleib seiner Geschwister. Am 15.6. und 21.9.1945 gab er in der deutsch-jüdischen Zeitung Aufbau in New York jeweils eine Anzeige auf, in der er nach seinen Geschwistern suchte. Sie erschienen unter der Rubrik "Das erste Lebenszeichen" und "Juden aus Buchenwald suchen". 1946 emigrierte er in die USA und zog 1952 nach Miami, wo er als Goldschmied arbeitete. Er heiratete nach jüdischer Sitte die Witwe seines verstorbenen Bruders Max. Er selbst verstarb am 4.2.1973.


Verfasser:
Peter Christoffersen (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E10573, E10474, E11143, E9233, Ra 2025
Staatsarchiv Bremen, Einwohnermeldekarte
Timm u.a., Hastedt (Band 4), Bremen 1990, S. 259
Dünzelmann, Juden in Hastedt, Bremen 1995, S. 138-141
Markreich, Geschichte der Juden in Bremen und Umgegend, Bremen 2009, S. 214
www.familysearch.org
www.jbuff.com
www.ddb.de (AUFBAU)

Abbildungsnachweis: Privatbesitz

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Ostjüdische Gemeinde
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag "Schutzhaft"
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag Minsk

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