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Inge Goldschmidt, *1929

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Bürgermeister-Smidt-Str./neben Ausfahrt Hochgarage
Bremen-Mitte
ehemalige Straßenbezeichnung: Kaiserstr. 14


Bürgermeister-Smidt-Str./neben Ausfahrt Hochgarage - Weitere Stolpersteine:


Inge Goldschmidt

Inge Goldschmidtgeb. 29.1.1929 in Bremen

Inge Goldschmidt war die Tochter von Salli Goldschmidt (geb.1895 in Hoof/Krs.Kassel) und seiner Ehefrau Sophie geb. Salomon (geb.1902 in Hamburg). Sie war die jüngste von drei Geschwistern: ihre Schwester Lotte war 1923 geboren, ihr Bruder Herbert 1926. Salli Goldschmidt war ein gut situierter Versicherungsvertreter. Die Familie bewohnte eine 5-Zimmer-Wohnung in der Kaiserstraße 14, nahe der Brill-Kreuzung. In diesem Haus lebte auch Inges Onkel Leopold Salomon mit seiner Frau Ella und der 1930 geborenen Tochter Alma-Ursel. Bis 1935 befand sich hier auch die Buchhandlung der Familie Salomon und Inges Großeltern Albert und Ida Salomon wohnten in diesem Haus.

Die Ehe von Salli und Sophie Goldschmidt wurde 1931 geschieden, nachdem Salli sich einer anderen Frau zugewandt hatte. Sophie blieb, von Salli unterstützt, mit den Kindern in der Wohnung. 1935 wanderte Salli Goldschmidt mit seiner neuen Familie nach Südafrika aus und baute in Johannesburg eine Versicherungsfirma auf.

Im Frühjahr 1935 wurde Inge Goldschmidt eingeschult. Sie besuchte die Michaelisschule, eine in der Straße Doventorsdeich gelegene Volksschule für Mädchen, bis am 15.11.1938 alle jüdischen Kinder vom Besuch deutscher Schulen ausgeschlossen wurden. In ihre Klasse ging auch Miriam Bialystock, die – ganz in Inges Nähe – am Brill wohnte.

Schon vor der Pogromnacht hatte sich Sophie Goldschmidt mit ihrem geschiedenen Mann darauf geeinigt, dass die ältere Tochter zu ihm nach Südafrika ziehen sollte. Am 22.11.1938 begleitete Sophie ihre Tochter Lotte nach Hamburg an den Dampfer nach Südafrika. Als sie nach Bremen zurückkehrte, wartete schon der Vorstand der Israelitischen Gemeinde auf sie, um ihr mitzuteilen, dass für ihre Kinder Herbert und Inge Plätze in einem Kindertransport nach England bereit stünden. Wie Herbert Goldschmidt später bei einem Besuch in Bremen berichtet hat, sagte seine Mutter daraufhin: „Ich habe gerade von meiner ältesten Tochter Abschied genommen. Mein Sohn muss selber entscheiden, was er will. Aber ich gebe nicht alle drei Kinder her, nachdem ich jahrelang um sie gekämpft habe.“ Herberts Antwort, die ihm sein Leben lang keine Ruhe gelassen hat, war: „Ich glaube, ich muss weg, Mutti.“ Inge Goldschmidt blieb in Bremen.

Ende 1938 konnte die Israelitische Gemeinde Räume im Hause Kohlhökerstraße 6 als Gemeindezentrum nutzen und richtete dort auch einen Klassenraum für die Religionsschule ein. Mehr als 30 Kinder – darunter Inge Goldschmidt – wurden in dieser Schule unterrichtet.

Am 27.9.1940 heirateten Sophie Goldschmidt und Heinz Meyer; sie kannten sich seit 1935, als er den von Sophie zusammen mit ihrer Schwägerin Ella Salomon betriebenen Mittagstisch besucht hatte. Herbert Goldschmidt hat Heinz Meyer stets in guter Erinnerung behalten und seine Hilfsbereitschaft hervorgehoben. Heinz Meyer, Sophie Meyer und Inge Goldschmidt lebten in Bremen zuletzt in der Bürgermeister-Smidt-Straße (heute: Carl-Schurz-Straße) 37; vermutlich handelte es sich dabei um ein „Judenhaus“.

Am 18.11.1941 wurde Inge Goldschmid mit ihrer Mutter Sophie Meyer und ihrem Stiefvater Heinz Meyer zusammen mit 567 anderen Juden aus Norddeutschland von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Von den 442 Juden, die aus Bremen stammten, sind nur sechs zurückgekehrt; alle anderen – so auch Inge Goldschmidt, Sophie Meyer und Heinz Meyer – wurden ermordet. Sie starben entweder im Winter 1941/42 an Kälte und Hunger oder fielen einer der im Juli 1942 einsetzenden Massenerschießungen zum Opfer.

Inge Goldschmidt wurde wohl 13 Jahre alt. Ihre Schwester Lotte lebte zunächst in Südafrika und zog dann nach Israel; sie starb 2005 in Tel Aviv. Ihr Bruder Herbert gelangte über England bald nach Südafrika zum Vater und zog im Alter nach London, wo er 2009 starb.


Verfasser:
Michael Cochu (2013)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E 11211
Rohdenburg, Günther / Karl-Ludwig Sommer, Erinnerungsbuch für die als Juden verfolgten Einwohner Bremens, 2006
Rohdenburg, Günther (Bearb.), „Judendeportationen“ von Bremerinnen und Bremern

Abbildungsnachweis: Privatbesitz (Sophie Meyer mit ihren Kindern Inge, Herbert u. Lotte 1938)

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Kindertransporte
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk