Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Suche
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Naftali Nadel, *1882

ausgewiesen 1938 nach Polen
Schicksal unbekannt


Hauffstr. 2
Bremen-Walle
ehemalige Straßenbezeichnung: Wilhelmshavener Str. 3


Hauffstr. 2 - Weitere Stolpersteine:


Naftali Nadel

geb. 22.3.1882 in Dukla

Naftali Nadel genannt Treff kam als Jugendlicher nach Deutschland. Er ging zunächst nach Hamburg-Harburg, kam dann nach Bremen-Horn und schließlich Bremen-Selbaldsbück. Laut Einwohnermeldekarte lebte er seit 1918 in Bremen. 1907 hatte er noch in seiner polnischen Heimat Golda Auguste Stark (geb. 29.3.1882 in Liskow) nach jüdischem Brauch geheiratet. Die standesamtliche Eheschließung war 1911 erfolgt.

Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Dvora, geb. 9.10.1909 in Sanok (verh. Kupferberg), Max, geb. 25.11.1911 in Liskow, Gitte Feige (Fanny), geb. 17.8.1913 in Sebaldsbrück (verh. Wagschal), Marie, geb. 17.5.1917 in Bremen (verh. Wolf) und Judith, geb. 12.1.1922 in Bremen.

Naftali Nadel betrieb offenbar zunächst in Bremen in der Wilhelmstraße ein Lebensmittelgeschäft. Am 28.8.1919 meldet er ein Gewerbe für Kurz-, Weiß- und Wollwaren an. Die Familie Nadel besaß zwei Grundstücke, eines in der Wilhelmshavener Straße 3 und eines in der Spichernstraße 16. Im mehrstöckigen Haus in der Wilhelmshavener Straße hatte die Familie mehrere Zimmer möbliert oder vermietete sie leer. Wenn Naftali Nadel auf Geschäftsreisen war - er verkaufte in Bremen und in den umliegenden Landgebieten Textilien - führte seine Frau Golda das Geschäft allein; auch sonst arbeitete sie ganztags dort, für den Haushalt beschäftigte sie Hilfen. Im Hause befanden sich zahlreiche Bücher religiösen Inhalts, aber auch Belletristik sowie deutsche Klassiker.

Mit den sich ausweitenden Boykottmaßnahmen gegen Juden gingen auch die Geschäfte der Nadels zurück und sie mussten schließen. Anschließend meldete Naftali Nadel ein Hausierhandelsgewerbe an. Der Gewerbeschein wurde ihm aber am 7.12.1937 wieder entzogen.

Am 28.10.1938 wurden Naftali, Golda, Max und Marie Nadel im Rahmen der „Polenaktion“ ausgewiesen.

Die überlebende Tochter Marie schilderte nach Kriegsende die Ereignisse: "Ich kam abends um 11 Uhr in unsere Wohnung und fand meine Eltern bereits nicht mehr vor. Mein Bruder war ebenfalls nicht nachhause gekommen. Vor der Tür standen Beamte der geheimen Staatspolizei, die auf mich gewartet haben. Diese gingen mit mir zusammen in die Wohnung. Man sagte mir, ich solle mitkommen, es sei nur zu einem Verhör. So wie ich stand, mit einer Handtasche und einem Nachthemd in der Hand, bin ich mitgegangen und wurde auf die Polizeistation Utbremer Straße gebracht. Von dort kam ich mit einem Polizeiwagen ins Untersuchungsgefängnis in Bremen, dort blieben wir bis zum Morgen und kamen am Morgen zum Bahnhof. Ich traf im Untersuchungsgefängnis die Mutter und am Bahnhof trafen wir meinen Vater und Bruder. Ich wurde bei der Abschiebung in Fraustadt ausgeladen und von dort wurde ich von deutschen Polizeibeamten in Zivil bis nach Leczno gebracht und dort abgesetzt. Ich begab mich von dort über Krakau nach Przemysl. Ich hatte keinen polnischen Pass."

Der Sohn Max war auf seiner Arbeitsstelle verhaftet worden. Die Tochter Judith, die in Dessau eine Lehre begonnen hatte, war von dort an die Grenze abgeschoben worden.

In Krakau war die Familie wieder zusammen gekommen. Jüdische Wohlfahrtsvereinigungen sorgten in Polen für Verpflegung und Unterkunft.

Die Ehefrau Golda erhielt offenbar kurz vor Kriegsbeginn (1.9.1939) die Erlaubnis nach Bremen zurückzukommen, um ihre Angelegenheiten "abzuwickeln". Laut Akten des Landesamtes für Wiedergutmachung hatten Mieter jedenfalls gesehen, dass Frau Nadel ihren Hausrat und ihr weiteres Eigentum in eine große Holzkiste verladen hatte. Vermutlich wegen des Kriegsausbruchs war der Transport nach Polen nicht mehr möglich und die Gegenstände wurden bei einer Spedition eingelagert. Die Speditionsfirma Prior hatte den Hausrat später der Haupttreuhandstelle Ost übergeben, die diesen am 25.2.1943 versteigern ließ. Der Erlös betrug 2.500 RM, die gesamte Inventarliste ist in den Akten erhalten.

Golda Nadel musste Bremen im Februar 1940 wieder verlassen. Bei ihrer Abfahrt wurde ihr am Bahnhof noch der Pelzmantel abgenommen und sie sollte verhaftet werden. Durch die Intervention von Karl Katz, dem damaligen Bezirksleiter der Reichsvereinigung der Juden (Nordwestdeutschland) und Vorsitzendem der Israelitischen Gemeinde Bremen, konnte sie jedoch wieder ausreisen.

Die beiden Grundstücke der Familie wurden beschlagnahmt und kommissarisch von einem Grundstücksmakler für den NS-Staat verwaltet. Das Haus in der Wilhelmshavener Straße wurde zum „Judenhaus“ erklärt, in dem mindestens 23 Juden zwangsweise eingewiesen waren – nur sechs von ihnen konnten auswandern. Für die anderen 17 Menschen, darunter drei Kinder, wurde dieses Haus die vorletzte Station vor dem Tod. Sie wurden 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet.

Die Spur von Naftali Nadel, seiner Ehefrau Golda, des Sohnes Max und der Tochter Judith verliert sich in Krakau. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

Die Tochter Marie Nadel zog im November 1939 zu Verwandten nach Przemysl/Ukraine und ging ab Sommer 1940 nach Sibirien. Bis 1944 lebte sie in Aldan im Rayon Jarkutsk. Im Mai 1946 kam sie mit einem Transport zurück nach Breslau. Von dort gelangte sie über die CSR und Österreich nach Teublitz bei Regensburg. 1947 verbrachte sie sechs Wochen in Bremen, um Nachforschungen nach ihrer Familie und dem Verbleib des Eigentums anzustellen. 1949 wanderte sie von Bamberg nach Israel aus.

Die Tochter Dvora Nadel (verh. Kupferberg) hatte bereits 1934 nach Palästina auswandern können, so dass sie der Shoa entging.

Die Tochter Yetta (Fanny) Nadel (verh. Wagschal) war 1933 nach Antwerpen emigriert. Sie wurde 1944 verhaftet und über das Sammellager Malines/Mechelen am 31.7.1944 nach Auschwitz deportiert. Gegen Ende des Krieges wurde sie in ein Frauen-Arbeitslager nach Liebau (heute: Lubawka), eines der Nebenlager von Groß-Rosen, verlegt. Die Frauen mussten in verschiedenen Rüstungsfabriken, beim Bau eines Flugplatzes und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten. Yetta hatte Eisenbahnwaggons zu entladen und war später bei der Produktion von Panzer-Schneeketten eingesetzt. Am 8. Mai 1945 wurde das Frauen-Arbeitslager Liebau von russischen Truppen befreit. Fanny Nadel erlebte die Befreiung, traf ihren Mann in Antwerpen wieder, er war in einem Arbeitslager in Frankreich interniert gewesen, und emigrierte später in die USA.


Verfasser:
Natalie Sander/Peter Christoffersen (2012)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E4332, 4,54-E10972

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag Malines / Mechelen