Sie befinden sich hier | Kapitelüberschrift  Suche
Schriftgroesse verkleinern Schriftgroesse normal Schriftgroesse vergrössern
Diese Seite ausdrucken

Golda Nadel, geb. Stark, *1882

ausgewiesen 1938 nach Polen
Schicksal unbekannt


Hauffstr. 2
Bremen-Walle
ehemalige Straßenbezeichnung: Wilhelmshavener Str. 3


Hauffstr. 2 - Weitere Stolpersteine:


Golda Nadel

geb. 29.3.1882 in Liskow

Golda Auguste Nadel genannt Treff, geb. Stark, besuchte in Liskow die Volksschule. 1907 heiratete sie Naftali Nadel genannt Treff nach jüdischem Brauch. Ihr Ehemann arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits in Deutschland (Harburg). Die standesamtliche Trauung erfolgte 1911.

Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Dvora, geb. 9.10.1909 in Sanok (verh. Kupferberg), Max, geb. 25.11.1911 in Liskow, Gitte Feige (Fanny), geb. 17.8.1913 in Sebaldsbrück (verh. Wagschal), Marie, geb. 17.5.1917 in Bremen (verh. Wolf) und Judith, geb. 12.1.1922 in Bremen.

Naftali Nadel betrieb offenbar zunächst in Bremen in der Wilhelmstraße ein Lebensmittelgeschäft. Am 28.8.1919 meldete er ein Gewerbe für Kurz-, Weiß- und Wollwaren an. Die Familie Nadel besaß zwei Grundstücke, eines in der Wilhelmshavener Straße 3 und eines in der Spichernstraße 16. Im mehrstöckigen Haus in der Wilhelmshavener Straße hatte die Familie mehrere Zimmer zur Vermietung sowohl möbliert wie auch leer. Wenn Naftali Nadel auf Geschäftsreisen war - er verkaufte in Bremen und in den umliegenden Landgebieten Textilien - führte seine Frau Golda das Geschäft allein; auch sonst arbeitete sie ganztags dort, für den Haushalt beschäftigte sie Hilfen. Im Hause befanden sich zahlreiche Bücher religiösen Inhalts, aber auch Belletristik und deutsche Klassiker.

Mit den sich ausweitenden Boykottmaßnahmen gegen Juden gingen auch die Geschäfte der Nadels zurück und sie mussten schließen. Anschließend meldete Naftali Nadel ein Hausierhandelsgewerbe an. Der Gewerbeschein wurde ihm aber am 7.12.1937 wieder entzogen.

Am 28.10.1938 wurden Naftali, Golda, Max und Marie Nadel im Rahmen der „Polenaktion“ ausgewiesen. In Krakau kam die Familie wieder zusammen. Jüdische Wohlfahrtsvereinigungen sorgten in Polen für Verpflegung und Unterkunft.

Golda Nadel erhielt offenbar 1939 noch vor Kriegsbeginn (1.9.1939) die Erlaubnis nach Bremen zurückzukommen, um ihre Angelegenheiten "abzuwickeln". Nach Angaben in den Akten des Landesamtes für Wiedergutmachung hatten Mieter jedenfalls gesehen, dass Frau Nadel ihren Hausrat und ihr weiteres Eigentum in eine große Holzkiste verladen hatte. Vermutlich wegen des Kriegsausbruchs war der Transport nach Polen nicht mehr möglich und die Gegenstände wurden bei einer Spedition eingelagert. Die Speditionsfirma Prior hatte den Hausrat später der Haupttreuhandstelle Ost übergeben, die diesen am 25.2.1943 versteigern ließ. Der Erlös betrug 2.500 RM, die gesamte Inventarliste ist in den Akten erhalten.

Golda Nadel musste Bremen im Februar 1940 wieder verlassen. Bei ihrer Abfahrt wurde ihr am Bahnhof noch der Pelzmantel abgenommen und sie sollte verhaftet werden. Durch die Intervention von Karl Katz, dem damaligen Bezirksleiter der Reichsvereinigung der Juden (Nordwestdeutschland) und Vorsitzendem der Israelitischen Gemeinde Bremen, konnte sie jedoch erneut ausreisen.

Die beiden Grundstücke der Familie wurden beschlagnahmt und kommissarisch von einem Grundstücksmakler für den NS-Staat verwaltet. Das Haus in der Wilhelmshavener Straße wurde zum „Judenhaus“ erklärt, in dem mindestens 23 Juden zwangsweise eingewiesen waren – nur sechs von ihnen konnten auswandern. Für die anderen 17 Menschen, darunter drei Kinder, wurde dieses Haus die vorletzte Station vor dem Tod. Sie wurden 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet.

Die Spuren von Golda Nadel, ihrem Ehemann Naftali, ihres Sohnes Max und ihrer Tochter Judith verlieren sich in Krakau. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Sie wurden nach dem Krieg auf den 8.5.1945 für tot erklärt. Ihre Töchter Dvora, Fanny und Marie entgingen der Shoa und haben überlebt.


Verfasserin:
Natalie Sander (2011)

Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Akte 4,54-E4332, 4,54-E10972

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Polenaktion
Glossarbeitrag "Arisierung"