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Günther Frank, *1926

deportiert 1941
ermordet in Minsk


Schwachhauser Heerstr. 18/Ecke Parkstr.
Bremen-Schwachhausen
ehemalige Straßenbezeichnung: Parkstr. 1


Schwachhauser Heerstr. 18/Ecke Parkstr. - Weitere Stolpersteine:


Günther Frank

geb. 10.4.1936

Günter Frank war der Sohn von Else und Richard Frank.

Else Frank, geb. Heimbach, wurde in Laer im Münsterland geboren. Ihre Eltern waren der Viehhändler Salomon-Louis und Emilie Heimbach, geb. Rosenthal. Die weitverzweigte Familie Heimbach lebte dort seit mehreren Generationen. Else wuchs mit acht Geschwistern auf, von denen zwei bereits im Kindesalter verstarben. Else Heimbach heiratete am 12.5.1925 den Viehhändler Richard Frank, geboren am 2.12.1899 in Kleinendorf (heute zu Rahden gehörig). Die Hochzeit wurde in Laer gefeiert. In Kleinendorf lebten die Eltern von Richard Frank, der Viehhändler Julius Frank und Rosa Frank, geb. Jacobs. Dort wuchsen auch Richard und seine vier Geschwister auf. Seine Mutter starb 1929.

Nach der Eheschließung zogen Else und Richard Frank zu dessen Eltern. Hier kamen die Söhne Günther und Hans (geb. 6.5.1927) zur Welt. 1930 zog die Familie nach Rahden zu Richards Onkel Bernhard Frank. Dieser hatte ihn durch Erbvertrag zum Erben eingesetzt, da seine Ehe kinderlos blieb. Dort erblickte Sohn Rolf am 20.11.1936 das Licht der Welt.

Der gesellschaftliche Status der Franks – sie waren als Viehhändler gut situiert – gab ihnen das sichere Gefühl, nicht nur akzeptiert, sondern anerkannt zu sein, zumal Richard Frank im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Das sollte sich nach 1933 unter dem NS-Regime ändern. Insbesondere machte sich das durch den Niedergang des Viehhandels bemerkbar. Nichtjüdische Bauern wurden aufgefordert, nicht mehr bei jüdischen Viehhändlern zu kaufen. Dieser Boykott bewirkte erhebliche finanzielle Einbußen, schließlich wurde Juden der Viehhandel 1938 untersagt.

Familie Frank sah sich zusehends diskriminiert und ausgegrenzt. Sie mussten sich vom nichtjüdischen Personal in Haus und Betrieb trennen. Ehemalige Angestellte gingen nun grußlos an ihnen vorüber. Die Kinder verloren ihre nichtjüdischen Freunde, die sich zurückzogen, und in der Schule gerieten sie ins Abseits. Der Sohn Hans berichtete noch Jahrzehnte später, dass er und seine Brüder in der Schule alleine auf der Bank saßen. Die Lehrer übergingen sie im Unterricht, und in der Pause durften Mitschüler weder mit ihnen spielen noch sprechen.

In der Reichspogromnacht 1938 wurden bei Franks die Fenster eingeschlagen und die Wände mit Hakenkreuzen beschmiert. Richard und Bernhard Frank wurden verhaftet und in das KZ Buchenwald überstellt. Sie wurden misshandelt und unter Druck gesetzt.

Sie sollten das Land verlassen und ihren Besitz verkaufen. Nach fünf Wochen kehrte Richard Frank zu seiner Familie zurück, nachdem er erklärt hatte, er werde seinen Besitz wie verlangt veräußern.

Nach dem erzwungenen Verkauf zogen Richard und Else Frank mit ihren Kindern und mit seinem Onkel Bernhard, der seit 1927 Witwer war, am 26.9.1939 nach Bremen. Dass Elses Cousine Sophie Ginsberg mit ihrem Mann bereits in Bremen lebte, könnte auch zur Entscheidung beigetragen haben, nach dorthin umzuziehen. Sophie hatte bereits in ihrer Wohnung in der Parkstraße 5 ihrer Schwester Henriette ein Zimmer zur Verfügung gestellt (siehe S. Ginsberg: Biografien A-Z).
Sie lebten jetzt im „Judenhaus“ in der Legion-Condor-Straße 1 (vor 1939 Parkstraße 1, heute Schwachhauser Heerstraße 18/Ecke Parkstraße). Karl Heimbach aus Laer, einer der Brüder von Else Frank, zog ebenfalls dort ein (siehe Heimbach: Biografien A-Z).

In Bremen arbeitete Richard Frank im Tiefbau. Sein ältester Sohn Günther versuchte außerhalb Bremens als Schlosser zu arbeiten, daher war er nicht durchgehend in der Legion-Condor-Straße 1 gemeldet. Die jüngeren Söhne Hans und Rolf fanden schnell Freunde und hatten Freude daran, in Bremen durch die Straßen zu ziehen, in der Weser zu baden und im Winter auf dem Wallgraben Schlittschuh zu laufen. Der Besuch einer Schule war ihnen nicht mehr erlaubt. Als die Familie den Bescheid zur Deportation bzw. zum „Arbeitseinsatz im Osten“ bekam, freuten sich die Kinder darauf, eine Reise machen zu dürfen.

Am 18.11.1941 wurden Richard und Else Frank mit ihren Söhnen in das Ghetto Minsk deportiert. Dort erwartete sie „die Hölle“, wie Hans Frank nach Kriegsende berichtete. Richard und der älteste Sohn Günther wurden Arbeitskommandos zugeteilt und zur Schwerstarbeit außerhalb des Ghettos eingesetzt. Als Günther schwer erkrankte, ent- schieden die Eltern, den Sohn Hans anstelle von Günther für dieses Arbeitskommando zu melden, denn ein Arbeitsplatz bedeutete Hoffnung auf Überleben. Abends kehrten die Männer normalerweise in das Ghetto zurück, doch am 26.7.1942 mussten sie außerhalb des Ghettos am Ort ihres Arbeitseinsatzes bleiben. Als sie nach drei Tagen ins Ghetto zurück durften, bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen. Alle Bewohner waren erschossen oder in Gaswagen erstickt worden. Zu ihnen gehörten Else Frank mit ihren Söhnen Günther und Rolf.
Richard Frank und sein Sohn Hans überlebten. Sie arbeiteten ab dem 1.9.1943 in Minsk in einem SS-Arbeitslager (einem Rüstungsbetrieb). Ab 15.9.1943 wurden sie zunächst zur Zwangsarbeit in den Arbeitslagern Budzyn bei Lublin, Mielec und Wieleczka eingesetzt. Bei Kriegsende befanden sie sich im KZ Flossenbürg, von dort wurden sie auf einen „Todesmarsch“ geschickt. Am 23.4.1945 wurden sie befreit. Hans war 18 Jahre alt und wog nur noch 27 kg; er wurde in einem amerikanischen Hospital in Regensburg gesund gepflegt. Vater und Sohn kamen am 9.8.1945 nach Bremen zurück. Richard Frank blieb hier nur wenige Wochen; am 4.9.1945 meldete er sich nach Rahden ab. Sein Haus in Rahden wurde in den 1950er Jahren rückerstattet, er war wieder als Viehhändler tätig und heiratete erneut. Er starb 1974.

Sein Sohn Hans blieb in Bremen. Er absolvierte eine Lehre zum Elektriker und wanderte 1949 nach Israel aus. In Deutschland – dem Land der Täter – wollte er nicht mehr leben. Er heiratete und gründete eine Familie. Mit seinen Kindern sprach er nie deutsch. Bis zu seinem Tod hat ihn der Gedanke gequält, dass er nur deshalb überlebt hatte, weil er an- stelle seines Bruders Günther das Ghetto zum Arbeitseinsatz verlassen hatte. Es fiel ihm schwer, darüber zu reden. Er starb am 29.11.2012.

Hans Frank hat noch erleben können, dass zum Gedenken an seine Mutter und die beiden Brüder in Bremen Stolpersteine verlegt wurden. Zur Gedenkfeier war er von der Bürgerschaft eingeladen worden, doch da er schwer erkrankt war, konnte er nicht nach Bremen reisen. Er hatte schon eine Rede für diesen Anlass geschrieben:

Bewegt stehe ich hier vor Ihnen, als einer von sechsen, die aus dem Grauen zurückkamen, aus jener Hölle im Ghetto Minsk. In meinem Inneren fühle ich mich noch wie das kleine Kind damals - jetzt stehe ich hier stellvertretend für Alle: die Stillen, die Schweigenden, die Ermordeten und die Verbrannten vom gesamten Transport. Angefangen von meiner Mutter, mei- nen Brüdern, meinen nächsten Familienangehörigen und weiteren Angehörigen und meinen Leidensgenossen, die während der schweren und grausamen Jahre umgekommen sind. Ich war ein Kind und wurde erwachsen. Die schrecklichen Kriegstage waren meine Schule, meine Universität. Ich lernte die Seele der Menschen kennen, die so schlecht und grausam sein kann, und andererseits die gute Seite, die menschliche, die in Menschen erhalten bleiben kann, wie in jener Frau, die sich in einer dunklen Nacht während des Todesmarsches zu uns schlich, um uns Kartoffeln zu bringen. In einer Stunde, die so schicksalhaft für uns war. Schwere Tage sind diese meine Tage. Die Herrschaft von Menschentieren, von der wir mein- ten, dass sie zur Vergangenheit gehört, darf nicht in Vergessenheit geraten und gut taten die, die uns zusammenriefen, der Tage zu gedenken, um sich zu erinnern und zum Bewusstsein zu bringen , dass wir unsere Kinder und Enkel, in diesem Land und in anderen Ländern so erziehen, damit sie solche Tage nicht wiedersehen dürfen, damit wir alle, die wir am Leben sind, wissen sollen, dass Menschenleben ohne Unterschied von Religion, Rasse oder Ge- schlecht heilig ist, und dass es das Recht eines jeden Menschen ist, sein Leben zu organisieren und zu leben gemäß seinen Anschauungen ohne Einmischung der Partei oder des Systems. In der Mishna, einem der heiligen Bücher der Juden, steht Folgendes geschrieben: „An einem Platz, an dem Reumütige stehen, stehen keine absoluten Gerechten.“ Bei dieser Gelegenheit fühle ich, dass diejenigen, die sich hier versammelten, die Reumütigen sind und mein Dank gilt ihnen Allen. Für eine bessere Welt, für eine ruhigere Welt, eine Welt, in der das Wort des Propheten Jesaja erfüllt wird: „Es hebe kein Volk das Schwert gegen ein anderes Volk – und wir sollen nie von Krieg wissen.“

Die Zeitungsberichte über die Verlegung und die Feierstunde, besonders aber die Briefe der Schüler, die Patenschaften übernommen haben, waren ihm sehr wichtig. Er sprach bis zu seinem Tode immer von „seinen Kindern“ in Deutschland. Ihr Engagement bedeutete ihm ein kleines Stück Versöhnung. Er bedauerte sehr, dass er an der Verlegung der Stolpersteine nicht teilnehmen konnte. Aus diesem Anlass wäre er, der nie wieder deutschen Boden betreten wollte, nach Bremen zurückgekommen.

2015 wurden auch in Rahden Stolpersteine zur Erinnerung an die Familie Frank verlegt.

Verfasserinnen:
Wiltrud Ahlers/Barbara Johr (2017)

Informationsquellen:
StA Bremen 4,54-E10521, 4,54-E10520, 4,54-E10522, Einwohnermeldekartei
Aschoff,Diethard/Möllenhoff, Giesela: Fünf Generationen Juden in Laer: Leben und Schicksal der Juden in einer west- münsterländischen Kleinstadt, Berlin/Münster 2007
Sie lebten mitten unter uns. Spurensuche Juden in Rahden. Geschichtswerkstatt der Hauptschule Rahden, 1987 Interview 2011 mit Hans Frank und seiner Frau Ronit und Ingeborg Ostermann, geb. Frank

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Arisierung"
Glossarbeitrag Novemberpogrom
Glossarbeitrag "Judenhäuser"
Glossarbeitrag Minsk